Zurückblickend

Dezember 2014 war ich in den letzten Zügen meines MMKs. Es fehlte nur noch die allerletzte Stunde mit meiner Ernährungsberaterin und das abschliessende Gespräch mit meinem Wunsch-AC. Dann sollte der Antrag eingereicht werden. Das es sich dann doch nochmals ca. 14 - 16 Wochen hinzog, das war zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar für mich.

Zum Ende meines MMKs zog ich ganze 70 Kilometer weiter weg und damit auch 140 Kilometer weiter weg von meinem AC. Ganz kurz blitze mal der Gedanke auf, ins Krankenhaus um die neue Ecke zu gehen, da dort auch seit Jahren Adipositas-Chirurgie praktiziert wurde und der Ruf gut ist. Aber ich wollte dann doch nicht meinen Arzt wechseln. Er war mir von Anfang an sympathisch und ich fühlte mich gut aufgehoben.

 

Meine letzte Ernährungsberatung fand dann auf Grund der Feiertage um Weihnachten und Neujahr, auch im neuen Jahr statt. Das letzte Mal dann auch telefonisch, weil kein Termin zu finden war und die Strecke sehr weit war. Es war das Abschlussgespräch und wir konnten noch einiges durchsprechen. Zudem hatte ich ihr nochmal ein paar Tage Ernährungsprotokoll geschrieben, damit sie das durchsehen konnte. Dann machte sich meine EB an ihre Beurteilung für mich, die ich dem Antrag beilegen konnte.

 

Das Arztgespräch hatte ich dann im Februar und es wurde noch mal abschliessend alle Fragen geklärt und ich habe mich für den Schlauchmagen entschieden. Ganz klar: wenn es technisch möglich ist. Ansonsten hätte ich den Bypass bekommen. Auch gut, Hauptsache es konnte zur Sache gehen.

 

Ich fuhr mit einem Grinsen im Gesicht die 140 Kilometer zurück in die neue Heimat und dachte immer daran: boah, wie geil, ich ca. 2 Wochen hast du das Schreiben vom Arzt und dann kanns los gehen.

 

Tja .... das Schreiben vom Arzt ..... das dauerte und dauerte. Mein Arzt war irgendwann einfach nur noch Urlaubsreif und das Schreiben lies ganz schön lange auf sich warten. Meine Unterlagen waren fertig, meine beiden persönlichen Anschreiben 10 mal umformliert ..... was tut man nicht alles, wenn einem massig Zeit bleibt.

 

Endlich dann, am 13. Mai 2015 konnte ich den Antrag auf den Weg bringen. Ich bekam meine Bestätigung. Während der Arbeit einen Anruf meiner Sachberarbeiterin (SA) das mein Antrag wohl wasserdicht sei. Fuhr total aufgeregt in den Urlaub, weil bald würde ich ja operiert werden. Dort bekam ich am ersten Tag wieder einen Anruf meiner SA: wo kämen wir den hin, wenn sie jeden den Antrag genehmigen würde. Und das mitten bei der ersten Wanderung bergauf, und ich geschnaufft wie ein Walroß. Und warum ich nicht schlank bin, wenn ich soviel Sport machen würde, wie ich es angeblich mache. Ich war enttäuscht und habe geheult. Und dann setzte der Trotz bei mir ein. Ich weiß noch, die gesamte Wanderung war in meinem Kopf der Satz "Ich krieg das Ding, ich bekomme die Genehmigung"

 

Nach der Wanderung rief ich meinen Chirurgen an und erzählte ihm alles. Er war sauer auf die SA meiner Krankenkasse. Und ich war so sauer, das ich mit meinem Chirurgen einen OP-Termin festsetzte. Der er ging danach nach München-Bogenhausen und ich wollte unbedingt noch von ihm operiert werden.

 

Er lies sich allen Ernstes darauf ein, den man muss wissen, die Bamherzigen Brüder in Regensburg operierten zumindest zu der Zeit noch keine Selbstzahler. Der OP-Termin wäre bei Absage einfach wieder gegancelt worden.

 

Ich saß auf Kohlen und ging innerlich trotz dem ganzen Scheiß immer davon aus, das ich die OP genehmigt bekommen würde. Dann lief die Frist ab und ich war mir unsicher. Das war auch zu der Zeit des Poststreiks.

 

Ich rief meine Sachbearbeiterin an, mein Herz schlug irgendwie 10 Meter über meinem Kopf und war laut wie ein Vorschlaghammer. Sie ging ans Telefon und ihr erster Satz war: ihre OP wurde genehmigt, meine Gratulatio, ihr neues Leben kann beginnen. Ich habe wieder geheult, aber dieses Mal vor Freude.

Sie schickte mir die Genehmigung per Fax (postealisch kam die Genehmigung Wochen nach meiner OP an, wegen des Poststreiks).

 

Ich rief meinen Arzt an, das der Termin steht. Meine Chefs bekamen Bescheid, ich war schon am nächsten Tag nicht mehr in der Arbeit. Es gab viel zu Organisieren.

 

Vom telefonischen GO bis zum OP-Tisch waren es gerade mal 5 Tage für mich.

 

1 Stunde vor OP wurde ich dann noch für eine Magenspiegelung gemacht, weil ich das vorher nicht habe machen lassen. Und eh ich mich versah, war ich im Aufwachraum.

 

Die ersten Tage waren hart für mich. Körperlich, ganz klar. Aber vor allem auch seelisch. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, warum ich es nicht ohne eine lebensverändernde OP geschafft habe. Erst nach der OP wurde mir richtig bewusst: das ist jetzt etwas, was du nie wieder in deinem Leben rückgängig machen kannst. Weg ist weg!

 

Danach ging es ein bisschen besser. Ich habe aber mit mir gehadert, das ich so wenig trinken konnte. Und das bei dem Jahrhundertsommer 2015! Ich habe teileise nur 0,5  - 0,8 Liter pro Tag geschafft. Und es hat Monate gedauert, bis ich wieder mehr als 1,5 Liter trinken konnte.

 

Die erste Monate waren ein Kinderspiel und die Kilos purzelten von alleine. Mal ziemlich viele, mal mit Stillstand oder nur ein paar Gramm. Die ersten Mal hatte ich dann immer Angst, das der Schlauchmagen bei mir versagen könnte. Aber auch da kehrte Alltag ein.

 

Zur Weihnachtszeit hin musste ich dann schon mehr dafür tun, das die Kilos weiter schmolzen. Ich achtet in der Zeit auf meine Kalorien und das auch die anderen Nährstoffe passten. Ich hatte ein Ziel und da wollte ich hin. Und dafür war mir kein Wandern zu weit und kein Berg zu hoch. Ich aß weiterhin nichts Süßes und verzichtet auf Knabbersachen. Einfach nur abnehmen, das war mein erklärtes Ziel.

 

Die letzten 10 Kilos waren dann echte Schweißarbeit. Ich begann zu joggen, absolvierte auf dem Ergometer regelmässig HIIT und ließ mein Programm beim Krafttraining verändern. Das war die Zeit, wo ich Ernährungstechnisch auch mal kurz in die falsche Richtung lief. Meine Kalorien zu sehr nach unten schraubte oder mir teilweise das Essen nicht erlauben konnte, wenn die Waage das falsche in meinen Augen anzeigte. Mit Hilfe meiner Verhaltenstherapeutin und Sondersitzungen von meiner Ernährungsberaterin konnte ich da nach und nach wieder herausfinden.

 

Mit jedem Monat, wo ich mein Gewicht  länger stabil halte, kommt auch mehr Vertrauen in mich selbst zurück. Manchmal scherrt mein Essverhalten noch etwas aus, aber ich biege es dann sofort gerade. Und ich Großen und Ganzen gesehen, bin ich damit schon gut zufrieden.

 

Von meiner Arzthelferin wurde ich vor einigen Wochen gefragt: ob ich jetzt den einen anderen Blickwinkel auf adipöse Menschen habe. Schwierige Frage. Ich weiß aber, das ich das irgendwann im Laufe meiner Abnahme hatte und das hat mir selbst nicht sehr gefallen an mir.

 

Ich wurde ungeduldig, konnte die viele Inkonsequenz um mich herum nicht mehr verstehen. Konnte das Pläne machen, aber nicht durchführen können, nicht mehr nachvollziehen. Dafür muss ich mich aus tiefsten Herzen entschuldigen. DENN: ich war über 20 Jahre genau so! Ich war und bin nicht besser, schlechter oder sonst etwas.

 

Dieses Bild, diese Sichtweise hat sich bei mir zum Glück wieder gerade gerichtet. Jeder nach seiner Facon. Und ich weiß aus Erfahrung: es gibt wirklich Momente und Augenblicke im Leben, wo man sich auch mit Übergewicht wohlfühlt. Bei mir war es so. Manchmal nur stundenweise, manchmal tage- oder wochenlang. Und mal viel mir ein Stein vom Herzen, als ich mich vehement gegen jede Art von Diät ausgesprochen habe. Es war, wie wenn ich endlich Luft bekommen würde.

 

Ich verstehe auch, das manche Tage als dicker Mensch auch echt Scheisse sind. Gerade im Sommer, wenn sie alle mir ihrer luftigen Kleidung ankamen. Ich als dicke Frau habe nur selten Kleider oder Röcke getragen, weil ich mir sonst die Oberschenkel blutig gescheuert habe.

 

Und manchmal will man einfach nur noch vor den Kilos kapitulieren und damit in Ruhe gelassen werden.

 

Ich will mich immer daran erinnern können, wie meine Zeiten als dicker Frau waren und versuchen, nicht mehr als ein Mensch rüber zu kommen "der es Besser weiß". Ich weiß es keinen Deut besser, ich hatte einfach nur Glück das ich zum richtigen Zeitpunkt operiert wurde und es bei mir soviel ausgelöst hat.

Ich hatte Glück, das mein Ehrgeiz geweckt wurde und ich Sport inzwischen ganz gerne mag.

Ich hatte Glück, das ich offen für neue Essweisen war und die Disziplin besitzte, es durchzuziehen.

 

Tja, jetzt steht 2017 an. Was wünsche ich mir für 2017?

 

Ich habe schon seit ganz vielen Jahren keine Vorsätze mehr fürs Neue Jahr gemacht. Dieses Mal fühlt es sich richtig an. Ich will keine Vorsätze mit Sport oder Gewicht, das ist ätzend für mich.

 

Ich wünsche mir mehr Demut - für mich und gegenüber anderen. Demut für das Erreichte und das man darauf auch Stolz sein darf.

 

Ich wünsche mir mehr Mut - für mich und gegenüber Situationen und anderen Menschen. Das ich mehr auf mich achte und auch ANDERE achte!

 

Und ich wünsche mir mehr Ausgeglichenheit für meine Person.

 

Und ich wünsche mir, das ich mehr Geduld und Toleranz zeige mir und anderen Menschen gegenüber.

 

Wünsche, die nicht nur für 2017 gelten, sondern Wünsche die ich habe jetzt versuche umzusetzten. Und an denen ich ein Leben lang arbeiten werde.

 

Ansonsten hoffe ich, das all die Menschen und Lebewesen, die mir so sehr ans Herz gewachsen sind ein gesundes und liebevolles Jahr 2017 erleben. Das sie von einschneidenden, negativen Erlebnissen verschont bleiben und wir uns regelmässig treffen.

 

Euch wünsche ich ebenfalls ein gesundes, friedvolles neues Jahr 2017.

Und verleiht euren Träumen die Flügel!

 

Zum neuen Tagebucheintrag!

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