Endgültig!

Die letzten Tage waren noch einmal voll mit Terminen und einer überraschend traurigen Nachricht.
Eigentlich waren wir zum Geburtstag bei einem Freund eingeladen. Dort angekommen, wurden wir mit der Nachricht überrascht, das eine gemeinsame Freundin von uns die Nacht zuvor plötzlich gestorben ist.

Schrecklich, ihr Mann wollte sie am Morgen noch in die Klinik bringen, weil der Hausarzt im Urlaub ist und es ihr schlecht ging. Wie immer hat diese starke, streitbare Frau ihren sturen Kopf durchgesetzt und sich verweigert. Eine Haltung, welche sie die letzten 3 Jahre perfektionierte.

 

2 Wochen nach der Feier ihrer silbernen Hochzeit hinterlässt sie einen tottraurigen Mann und zwei junge Erwachsene, die die Welt nicht mehr verstehen. Und einen Freundeskreis, der neben der Trauer auch sauer auf sie ist.

 

Vor etwas über 3 Jahren hat sie sich in unserem Beisein den Knöchel gebrochen. Im Krankenhaus wurde nach über einer Woche festgestellt, das sie auf die Platte am Knöchel allergisch reagiert. Eine weitere OP folgte. Die anschliessende Krankengymnastik brach sie ab, weil es ihrer Meinung nach nichts brachte.

 

Ihr Knöchel wurde nie mehr ganz Heil. Es war die komplette Zeit eine Schwellung, wie ein kleiner Rettungsring um ihren Knochen - bis zu Ihrem letzten Atemzug.

 

Sie litt an Astma, Bluthochruck, Diabetes und hatte nach dem Knöchelbruch den Gang einer sehr alten, gebrechlichen Frau. Sie war 47 Jahre jung, als sie sich den Knöchel brach. War sie auch schon vorher nicht die bewegungsfreudige, so tat sie danach überhaupt nichts mehr.

 

Egal wann man kam, die meiste Zeit traf man sie schlafend auf dem Sofa an. Im letzten Jahr hatte sie einen enormen Eisenmangel, eigentlich Grund für eine Eiseninfusion. Man gab ihr Tabletten, diese schlugen nur sehr langsam an. Irgendwann die letzten Wochen, setzte sie diese zusammen mit einem anderen Medikament wieder ab. Die Eisentabletten sorgten für schlimme Verstopfung und es half laut ihrer Aussage auch kein Abführmittel. Ich weiß es nicht.

 

Sie war niedergeschlagen und wir alle, inkl. Ihrer Familie haben sie oft versucht zu animieren. Sie wollte nicht´s mehr unternehmen. Sei es das Sommerfest, die Sommersonnwende ...., wir haben ihr angeboten, sie sogar mit dem Auto hinzufahren. Keine Chance, sie wollte die letzten 3 Jahre einfach nicht mehr. Hat sich hängen lassen und nicht einmal den Versuch unternommen, wieder raus aus dem Kreislauf zu kommen.

 

Die einzigen verlässlichen Konstanten in ihren letzten 3 Jahren waren:

 

  • ihr Mann und ihre Kinder
  • gutes Essen
  • der TV und das Handy
  • danach ihre handvoll Freunde

 

Das Haus wurde zum Essen gehen, zum Einkaufen oder zu Geburtstagsfeiern in ihren Freundeskreis verlassen. Ansonsten bewegte sie sich nur noch im Haus (nur im Erdgeschoss, weil ihr Treppen steigen mit dem Knöchel schwer viel) und im Garten.

 

Wir (mein Freund und ich) haben die letzten Monate öfters darüber gesprochen, das es uns so vorkommt, als hätte sie resigniert und wartet jetzt auf den Tod. Wir haben nachgedacht, was wir dagegen unternehmen können, um sie zu animieren, sich entlich mehr zu bewegen.

 

Sie hat immens zugenommen, die letzten 3 Jahre, hat sich oft über die Flut an nötigen Tabletten beklagt und gleichzeitig überhaupt nichts dagegen unternommen. Sie hat weder auf die bittenden Worte ihrer Familie gehört, noch auf die ihrer Freunde, die sie mochten.

 

Wir sind traurig und sauer. Ich weiß war es heißt, endlich in die Gänge zu kommen. Es ist überhaupt nicht leicht und erscheint einen am Anfang des Weges schier unmöglich. Ich wollte mit ihr schwimmen gehen und habe sie gefragt. Ich habe ihr gesagt, das 10 Minuten Spaziergang, mehrmals die Woche für den Anfang reichen.

 

Vor einigen Wochen habe ich sie gefragt, ob sie nicht um Rente einreichen möchte und nochmal eine REHA beantragen möchte. In ihrem Sturkopf hat sie alles von vorne herein abgelehnt. Wenn Dinge beim ersten Mal nicht gehen, wurden sie ein zweites Mal überhaupt nicht mehr versucht.

 

Ihr Herz war mit 50 Jahren so schwach, das es Abends einfach zu schlagen aufgehört hat. Ihre Einstellung mit ihrem Sturkopf jede Hilfe und Unterstützung abzulehnen, hat ihre Lebensjahre mit ziemlicher Sicherheit verringert. Ihr Sturkopf, das Sie sich so wohlfühlt, wie sie mit den Kilos ist, trotz all der Begleiterkrankungen - der war einfach dumm, blöd und arrogant.

 

Sich gut zu fühlen, weil man ein starker Mensch ist und seinen eigenen Weg verfolgt, das ist sicher ein guter Weg. Der bessere Weg meiner Meinung nach ist aber: wenn man sich die Worte anderer Menschen anhört und sie einfach mal durchdenkt. Menschen, die dich lieben und mögen, die wollen dich nicht mit Sport quälen, sondern die wollen dich so lange es geht, in ihrer Mitte behalten. Die wollen, das du was für deine Gesundheit tust.

 

Die zeigen nicht mit Fingern auf dich und wissen es immer besser. Sie versuchen dich mit verschiedenen Mitteln und Wegen aus deinem selbstgewählten Loch zu locken. Das sind Freunde, wenn man solche hat, dann muss man sich glücklich schätzen. Freunde dürfen die Wahrheit sagen, auch mal gerade heraus, weil sie dich nämlich lieben.

 

Meine liebe B., du warst die dümmste, liebenswerteste Kuh, die ich die letzten Jahre in meinem kleinen Freundeskreis hatte. Ich habe dich wegen deiner streitbaren aber sehr herzlichen Art geliebt. Du warst die einzige, die mich komplett in meinen neuen Freundeskreis aufggenommen hat. Mit dir konnte ich über vieles reden. Ich könnt dich abwatschen! Dein Mann darf nun alleine im großen Haus wohnen. Deine Kinder sind erwachsen, aber hingen immer noch an deinem Rockzipfel. Sie hätten dich um so vieles länger gebraucht. Und du warst zu faul dich zu bewegen, deinen Lebensstil zum besseren zu ändern und auf die halbe Sau als Speckwürfeln in deinem bisschen grünen Salatblatt zu verzichten.

 

Das ärgert mich! Du bist deinen "Sturkopfprinzipien um des Sturkopfes Willen" treu geblieben, nur um nicht zugeben zu müssen, das der andere vielleicht doch Recht haben könnte. Dein Ende hast du mit sehenden Augen selbst eingeläutet und hast dich aus Prinzip vom keinem bitteln und betteln davon abhalten lassen - bis zum letzten Tag.

 

Was hat dir dein Sturkopf am Ende gebracht? Kannst du mir das erklären?

 

Du hättest am Donnerstag bei Uli´s Geburtstagsfeier und gestern bei meiner dabei sein sollen. Das wäre lustige gewesen und dein lautes Lachen hätte wie immer alle übertönt. Statt zu feiern durftest du nun alleine in der Aussegnungshalle auf den Friedhof liegen. Wie bescheuert von dir.

 

Sollten wir uns dort oben begegnen, dann erwarte von mir neben der ersten Umarmung auch eine Watschn, die sich g´scheppert hat. Die hast du dir verdient. Und ich werde mich dafür gerne in die Schlange einreihen, den ich weiß, ich bin nicht die einzige, die dir beides gibt.

 

Morgen zollen wir dir auf deinen letzten Weg ein letztes mal Respekt. Und dann werden wir am Abend in den wohlverdienten Urlaub fahren, der für uns eigentlich Heute starten sollte. Du wirst uns im Gedanken an Orte begleiten, zu denen du selbst nie wolltest. Das hast du jetzt davon. Wir werden im Schwimmbad an dich denken, wir werden in der Sauna an dich denken. Wir werden beim Radfahren über dich reden und wenn wir deftig Essen an dich denken. Gut, wenn wir beim Essen an dich denken, das wird dich eher freuen.

 

Man kann immer und jeder Zeit zum Abgang berufen werden, das ist klar. Aber ich bin froh, das ich aktiv etwas für ein gesundes Leben tue. Das ist keine Garantie, aber es tut der Seele gut und schenkt einen vielleicht doch das eine oder andere Lebensjahr mehr.

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