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Sportlicher, emotional anstrengender Tag

Heute gab es Höhen und Tiefen bei mir. Erst einmal bin ich nach dem Frühstück kurz auf mein Zimmer und dann habe ich mich ohne groß Denken für den Sport umgezogen und bin losgetrabt. Ich darf da ja immer nicht drüber nachdenken, ob ich gerade Lust darauf habe. Den in den seltesten Fällen habe ich auch Lust. Die Lust kommt während des Trainierens.

Ich soll hier auf 210 Minuten Sport pro Woche kommen. Und zwar unter Aufsicht und das wird abgezeichnet. Da man den Frühsport und Deprisport gestrichen hat und ich nur noch 120 Minuten Feldenkrais auf meinem Plan habe, hole ich mir die restlichen Minuten über freiwilliges Training im Fitnessraum.

 

Das Training lief gut, die Einweisung war fundiert, der Aushilfstrainer fürs freie Training (wird von Außerhalb betreut) nur mäßig motiviert und ständig am Handy.

 

Ich habe einige neue Geräte kennengelernt und trainiere nun auch den seitlichen Rücken und meine Flanken zum Beispiel. Ich durfte an einige Geräte ran, die anderen hätte ich mit der frisch operierten Brust noch nicht geschafft.

 

Nach dem Training war ich gerade zu euphorisch und bin beschwingt zum Mittagessen gegangen. Am Nachmittag habe ich mich dann um einen besonderen Lebenslauf für die Bezugstherapeutin gekümmert und jede Menge Fragen über mich beantwortet. Dafür habe ich sicherlich insgesamt um die 3 Stunden gebraucht. Kleine Pausen waren natürlich sehr wichtig für mich.

 

Abends war ich dann im Gruppenwohnzimmer und habe mich mit Mitpatienten unterhalten. Das hat supergut getan und leider oder zum Glück ist dann doch etwas ans Tageslicht gekommen, vor dem ich mich bisher erfolgreich und bewußt distanziert habe.

 

Ich bin Essgestört

 

Ich kann es drehen und wenden wie ich es will, es hilft nichts. Und es fällt mir so schwer, in der Öffentlichkeit dazu zu stehen. Da verteile ich immer gute Ratschläge und kann mich selbst nur schwer daran halten. Ja, ich habe das Kalorienzählen aufgehört und wiege mich nur noch alle 6 bis 8 Wochen. Ich habe jetzt eine gesunde Figur mit Größe 36 bei einer Körpergröße von 155 cm. Und doch Lebe ich von einem Extrem ins Andere.

 

Mal supergesund und megakontrolliert, weil die ständige Angst vorm "wieder Dick werden" da ist. Mal extremer Sport, dann wieder sehr locker.

Mal schwimme ich in Süßigkeiten und Co. und zwar im sehr ungesunden Bereich, was die Menge angeht. Manchmal habe ich soviel Angst vorm Zunehmen, das ich Abführmittel nehme oder lieber gar nichts esse.

 

Ja, ich bin den halben Tag dabei ans Essen zu denken. Ich gebe vor anderen die sorglose, schlanke Frau, die alles essen kann und gebe mit meinem Süßigkeitenkonsum an. Das ist nicht gesund und nicht normal. Ständig erwähne ich, das ich nur kleine Portionen essen kann und bin vor anderen stolz darauf, das ich ständig esse. Innerlich finde ich das beschämend und schrecklich.

 

Das Gewicht beschäftigt mich zu sehr und ich kontrolliere oft im Spiegel, ob noch alles passt. Ich kokettiere mit meiner Figur und erhasche willentlich Komplimente und kann dann doch nicht mit ihnen umgehen und finde es peinlich.

 

Ich habe das alles bei meinem ersten Termin mit meiner Bezugstherapeutin heruntergespielt und auf heile Welt gemacht. Da ist keine heile Welt, aber ich bin noch nicht bereit, hier und jetzt daran zu arbeiten. Ich habe Angst das ich beim Essen beobachtet werde. Das man mit mein Süßes streicht oder ich ein Esstagebuch schreiben muss. Das wird mir zuviel, ich kann das nicht. Ich will diese Thematik von mir schieben und gleichzeitig ein normales Verhältnis erreichen.

 

Das Eine beisst sicht mit dem Anderen. Meine Mitpatienten haben mich ermuntert, das bei der Therapeutin zuzugeben. Ich werde es wohl tun und darum bitten, das ich mich dieses Mal um meine Baustelle "Depression" kümmern darf. Mich ganz auf meine neue berufliche Zukunft konzentrieren kann. Irgendwie habe ich das Gefühl, das ich wenigstens über mein Essverhalten selbst bestimmen will, selbst wenn es nur teilweise gesund ist.

 

Das was ich zu den Hauptmahlzeiten esse ist gesund, sehr gesund. Wir kochen alles selbst und alles frisch. Mit vielen Produkten vom Gemüsebauer um die Ecke  und mein Freund passt auf. Aber das was neben den Hauptmahlzeiten läuft, das ist schrecklich und zerstört meine ganze Hoffnung auf ein normales Essverhalten.

 

Oh Gott, ihr werdet mich für die größte Lügnerin der Welt halten, weil ich so lange mir selbst und euch was vorgespielt habe. Ich bin eine gefallene und gestrauchelte, essgestörte Schlanke, die panische Angst vor Größe 38 hat und doch nicht aus ihrer Haut kann.

 

Es tut mir so leid. Und bitte, nehmt mich nicht zum Vorbild. Ich bin das Gegenteil!

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Kommentare: 2
  • #1

    Elelen (Sonntag, 05 November 2017 23:10)

    Ach, sind wir aus diesem gewissen Kreis nicht alle essgestört? Ich bin erst ganz frisch im Kreis und denke ich ständig darüber nach, was ich alles essen werde, wenn ich es erst wieder kann. Und wie ich das alles unter einen Hut bekomme, das Gesunde und das Genussvolle. Und innerlich weiss ich schon, dass das ein Spagat, ein Kraftakt werden wird. Eben weil auch ich essgestört bin, sonst wäre ich nie dahin gekommen, wo ich bin.

    Drück dich mal in Gedanken ganz fest.

    Du bist klasse. Echt jetzt.

    Elelen

  • #2

    Margarita (Montag, 06 November 2017 11:25)

    Hallo liebe Elelen,
    leider gibt es da einen Unterschied zwischen einem
    "gestörten Essverhalten" und einer "Essstörung". Bei mir wurde ja schon einmal eine Essstörung diagnostiziert. Aber ich habe sie mir klein geredet und irgend wann gedacht, das ich das hinter mich gebracht habe. In der Klinik taucht jetzt einfach wieder alles auf, was man versucht hat zu verdrängen.
    Ich werde es mit meiner Bezugstherapeutin besprechen, kann aber noch nicht daran arbeiten. Das wird mir neben der Depressionsarbeit zuviel. Zumal ich denke, das die Depression die Wurzel ist und die Essstörung eines der Symptome.
    Zumindest reime ich mir das so zusammen. Mal sehen, wie die das hier sehen.