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Abschied und Begrüßung

Heute Morgen war Abschied, für die die uns verlassen durften und zeitgleich reisten schon die ersten neuen Patienten wieder an. Es waren also weinende und lachende Augen bei mir angesagt. Die, die uns Heute verlassen habe, durfte ich ja nun schon etwas näher kennenlernen und zu einer hatte ich einen besonderen Draht. Lag wahrscheinlich an ihren Therapiehund, den sie mitnehmen durfte. ;-)

Nein, natürlich nicht, Spass beiseite. Auch wenn Gaja eine supertolle Hündin war, die sofort mein Herz erobert hatte.

 

Abschied findet hier immer in der Morgenrunde statt. Es wird für jeden, der Gehen darf eine Karte gebastelt und ein Leitspruch reingeschrieben. Natürlich kann jeder einzelne noch Wünsche mit auf den Weg geben und sich verewigen. Die Karten werden dann Morgens in die Mitte unserer Morgenrunde gelegt und es darf der, dem danach ist, eine Karte nehmen und sie vorlesen. Das sind Momente, die gehen ans Herz und die tun gut. Hier ist so etwas wie eine eingeschworene Gemeinschaft, weil wir alle irgendwo das Gleiche haben. Eine Problem, eine Krankheit die man nicht sehen kann und die sich schlecht erklären lässt. Das verbindet und durch die vielen, privaten Gespräche heilt man sich teilweise gegenseitig ein Stück weit.

 

Nach dem Abendessen haben wir uns dann in unserern Gruppenraum getroffen, wo jeden Tag die Morgenrunde beginnt und dann die Neuen begrüßt. Sie bekommen alle ein kleines Willkommensgeschenk und ein Türschild, wo sie ihren Namen darauf schreiben können. Ich habe seit dieser Woche das Türschilder-Amt übernommen. Heißt, ich bin dafür zuständig, das immer genügend Türschilder für die Namen vorhanden sind.

 

Es ist natürlich komisch für die neuen Mitpatienten, ist ja bei mir selbst noch nicht lange her. Und daher versucht man sie so willkommen wie möglich zu heißen und ihnen das Gefühl zu geben, das sie hier loslassen dürfen - nicht müssen!

 

Nach der Vorstellungsrunde habe ich dann auch gleich zu basteln angefangen. Weiß gar nicht mehr, wannn ich das letzte Mal wirklich gebastelt habe. Das ist sicherlich schon fast 20 Jahre her, damals war die Zeit von Window Color und ich habe mich regelmässig damit verausgabt. Ansonsten dachte ich bis eben, das ich nicht wirklich die Basteltante bin. Hat zu meiner Überraschung aber viel Spass gemacht und ich bin dabei gut zur Ruhe gekommen.

 

Überhaupt, nicht nur ich bin zur Ruhe gekommen, auch auf den Gängen wird es nun langsam ruhig. Das ist die Tageszeit, die ich am liebsten hier mag. Wenn es Draußen dunkel ist und hier wird es langsam still. Dann kann auch ich zur Ruhe kommen. Ich versuche dann auch meine Gedanken abzuschalten. Das hat gestern Abend erstaunlich gut geklappt. Ich habe den Laptop heruntergefahren, das Handy weit weg gelegt und einfach nur für fast 2 Stunden gelesen. Lange her, das ich das in dieser Intensität gemacht habe.

 

Morgen habe ich wieder ein Einzelgespräch bei meiner Bezugstherapeutin. Sie möchte sicher auch noch einmal auf das Thema meiner Essstörung eingehen. Da fühle ich mich im Moment gut aufgehoben, bei der Ernährungsberaterin. Ich möchte, glaube ich, lieber meine berufliche Zukunftsangst mit ihr besprechen. Den sollte ich nur eine Wiedereingliederung in meinen alten Job bekommen, muss ich mir was überlegen. Aus eigener Kraft schaffe ich einen Ausstieg aus dem Vertrieb nicht. Ich habe zwar eine Weiterbildung die auch Kaufmännische Anteile hatte, aber eben nur Anteile. Wenn ich mich also im Büro bewerbe, habe ich bisher keine Chance gehabt. Ich bin immer nur im Marketing untergekommen und da habe ich bisher keine Grenzen setzten können und wurde immer in der Vertrieb geschoben. In vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen wird Marketing und Vertrieb gemeinsam gemacht, weil es günstiger ist.

 

Von daher hätte ich schon gerne etwas, was aufbaut. So das ich eine reele Chance auf dem zweiten Arbeitsmarkt habe und unterkomme. Klar, Umschulung wäre ein Traum und das auch, obwohl ich noch nicht mal wüßte, als was ich wirklich umschulen könnte oder für was ich geeignet bin.

 

Ich werde sehen. Auf alle Fälle werde ich das Morgen ansprechen, weil es mir sehr, sehr wichtig ist.

Mensch, meine Entdeckungsreise muss ich auch in den nächsten Tagen erweitern. Inzwischen bin ich nämlich beim Ton angekommen und töpfere fleissig vor mich hin.

 

Und jetzt gehe ich noch tiefer in die Ruhe und lese mich langsam müde. Der Tag war aufregend genug.

Abschied ist fast nie leicht und trotzdem freue ich mich über die neuen Mitstreiter/innen.

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