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Für mich einstehen - zur Ruhe kommen

Ich habe am Sonntag für mich eingestanden und zur Rede gestellt. Oft vermeide ich solche Situationen, vor allem wenn sie mir wirklich sehr unangenehm sind, weil die Situation auf meine Persönlichkeit zurückzuführen ist.

Wir waren am Samstag Abend zu fünft unterwegs. Ausgang und mal was anderes sehen, das war uns wichtig. Wir sind in eine nette Lokalität gegangen, haben das ein oder andere getrunken und uns 3 Vorspeisen für 5 Leutchen bestellt. Und wir haben uns gut amüsiert, so dachte ich wenigstens. Es wurde viel gelacht, jede Menge Witze gerissen und nur sehr wenig über Depression, Politik und noch so spaltende Themas gesprochen. Also alles im grünen Bereich.

 

Nach dem Ausgang saßen wir noch in kleiner Runde beisammen und mir hat der Abend aber mal so richtig gut getan. Entsprechend war ich aufgedreht und immer wieder nicht zu halten.

 

Leider habe ich dann am anderen Tage erfahren, das kaum hatte ich das Wohnzimmer verlassen, die zwei Männer der Ausgehtruppe über mich hergezogen sind. Und zwar bei Menschen, die an dem Abend nicht dabei waren und keine Aussage treffen konnten.

 

Das hat mich verletzt, ich fühle mich noch immer gedemütigt und weiß nicht, wie ich mich auf Station verhalten soll. Einen der Männer habe ich unter vier Augen darauf angesprochen und ihm in einem ruhigen und sachlichen Ton mitgeteilt, was das für Gefühle in mir ausgelöst hat. Er hat zuerst geleugnet und dann mit den Schultern gezuckt. Blöde Reaktion, aber ich hatte es schon zur Hälfte von der Seele.

 

Bei dem anderen Mann habe ich mehrfach am Zimmer geklopft, aber mit all den Therapien nicht zu fassen bekommen. Den ganzen Sonntag Abend drehten sich dann meine Gedanken nur noch darum. Und dann kam es mir auch in den Sinn: Gott alleine weiß, bei wem auf der Station sie noch alles über mich hergezogen sind. Am liebsten wollte ich am nächste Tag nicht mehr zum Frühstück. Ich fühle mich beschämt und es ist mir peinlich, weil ich an dem Abend anscheinend "Dauer-geplappert" habe.

 

Ich konnte am Sonntag dann auch nicht einschlafen und habe dem anderen Mann dann eine DIN A4 Seite geschrieben. Auch hier ohne Vorwurf, mich entschuldigt und aber auch gleichzeitig gesagt, was dieses Verhalten von Ihnen bei mir ausgelöst hat. Er wollte gestern mit mir sprechen. Er weiß wo meine Türe ist, hatte aber noch nicht den Mut zu kommen. Mir ist das nun fast egal. Ich kann wieder schlafen und habe die Dinge, die mir wichtig waren, bei Beiden kund getan.

 

Ich bin für mich eingestanden und habe ihnen gesagt, das ich es besser gefunden hätte, wenn sie mit mir geredet hätten, anstatt mit fremden Stationsfremden Menschen über mich geredet haben. Und ich konnte ihnen mitteilen, das mich ihr Verhalten sehr verletzt hat, das sie Minuten zuvor ja noch gemeinsam mit mir gelacht haben.

 

Ich bin wahnsinnig stolz, das ich das ohne Wut und komplett ruhig und sachlich hinbekommen habe. ;-)

 

Und dann bin ich hier am Madalaen wie verrückt. Ich habe Stifte, mit denen man ganze Schulklassen versorgen könnte. Metallic, Glitzer, Neo, Pastel, Normal, Bleistift ...... und ich male ohne Ende und mir immer mehr Ruhe und Gelassenheit im Dutzen Mandala-Postkarten aus und verschenke sie mit einem persönlichen Spruch versehen, an die wichtigsten Menschen hier für mich.

 

Zwei davon verlassen Morgen regulär die Klinik, das wird eine Geheule unserer seits werden. Aber schon 6 Tage später gehe ich auch nach Hause und Ihr Abschied morgen ist mein CountDown. Ich gehöre dann zum nächsten Trupp.

 

Meine Tonarbeit habe ich gestern lasiert, sie müsste am Donnerstag in den Brennofen. Mal sehen, wann ich sie mir dann abholen kann. Ich bin schon ganz gespannt darauf. Nur in Ton sieht ja schon anders aus und wie es jetzt in weiß mit grünen Sprenkeln ist. Ich bin freudig aufgeregt und dann Stelle ich endlich das versprochen Bild davon ein.

 

Und dann habe ich gestern endlich den ersten Schritt gemacht und gezielt und strukturiert angefangen, mich mit meiner Berufung auseinander zu setzten.

 

Bisher liegen 5 Themenblätter vor mir, um mich mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzten.

 

Ich gucke mir dabei folgende Dinge an:

  • welche Werte sind mir wichtig
  • welche Fachkenntnisse und Kompetenzen habe ich
  • bei welcher privaten / beruflichen Tätigkeit fühle ich mich am wohlsten
  • was waren eigentlich mal meine Zukunftsträume
  • was habe ich bisher so alles gemacht (privat und beruflich)

 

Es soll mir helfen mich beruflich besser zu verstehen und in welche Richtung es in der Zukunft mit mir weiter gehen könnte. Fest steht: ich werde auf alle Fälle mit einem Vernunftsjob im Büro anfangen. Dafür bekomme ich weiterbildende Module. Ich will allerdings versuche, das ich nur eine 30-Std.-Woche habe und mich die restliche Zeit über mit meiner neuen beruflichen Zukunft auseinander setzten. Es schwirren mir gerade einige Dinge durch den Kopf, aber aus der Vergangenheit habe ich gelernt, das ich jetzt nichts überstürzen will und meine Ideen ins weite Land hinausschreie.

 

Dafür gebe ich mir bis ungefähr Frühjahr Zeit. Und dann fange ich langsam und nebenberuflich an, mir entweder entsprechendes Wissen in Kursen anzueigenen. Oder falls ich schon alles habe, was ich dafür brauche, einfach nebenbei damit zu arbeiten.

 

So kommt auf alle Fälle genügend Geld rein, das ich weiterhin Haushaltsgeld zusteuern kann und meine eigenen Kosten für das Erste tragen kann.

 

Zudem hatte ich gestern ein letztes Gespräch mit der Ernährungsberaterin. Den Schuh, das ich ihr auf Biegen und Brechen gefallen wollte und am Schluss agressiv am Buffet stand, den muss ich mir selbst anziehen. Ich habe auch hier ein paar Dinge für die Zukunft mitnehmen können. Zum Beispiel habe ich mir das ständige Kaugummi kauen abgewöhnen können. Mein Mund muss immer in Bewegung sein und Nahrung spüren, damit ich zur Ruhe komme. Das mache ich schon einmal nicht mehr. Die Eiweißriegel sind für den Augenblick auch tabu. Ich will mich nicht selbst triggern, dazu bin ich bei weitem noch viel zu weit weg von Normal. Ich ergänze nun mit Fresubin im ungesüssten Kaffee.

 

Ich werde nun die letzten Tage einfach nur noch geniessen und die wenigen Therapiestunden mitnehmen, die ich noch bekomme. Ansonsten habe ich mit der REHA gedanklich schon abgeschlossen. Im Moment fühle ich mich einfach nur ruhiger. Weder euphorisch noch traurig, sondern einfach nur entspannt.

 

Es kommen auch wieder andere Zeiten, das ist mir klar. Umso mehr weiß ich die jetztige Gefühlslage zu schätzen.

 

Und hier mal meine berufliche Zukunft, die im Moment wortwörtlich am Boden liegt ;-).

 

 

 

 

Und hier das aktuelle Mandala Projekt. Ist ganz schön zierlich und grazil dieses Mal. Zum Glück kann ich mich inzwischen so gut dabei entspannen, das ich konzentriert die dünnen Linien nachmale.

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