· 

Selbstwahrnehmung kann doof sein

Meine körperliche Selbstwahrnehmung könnte in die Politik gehen. Die ist nämlich genauso verzerrt, wie die Wahrnehmung vom realen Leben der Politiker. Man kann sie einfach drehen und wenden und sie sich so auslegen, wie man es gerade braucht.

Anfangs in der Reha musste ich ja meinen Taillenumfang an Hand von Wolle einschätzen. Also Wolle nehmen, Oval auf dem Tisch legen und dann abschneiden, wenn ich denke ich habe den Umfang meiner Taille getroffen.

 

Anfangs war ich mir nicht sicher, als der Faden noch am Knäuel hing, ob das passt oder zu viel ist. Als der Faden dann vom Knäuel getrennt war, dachte ich mir: so ein Mist, jetzt machst du dich lächerlich, weil du doch zu wenig abgeschnitten hast. Die (meine Verhaltenstherapeutin) denkt wahrscheinlich: Mädel komm mal in der Realität an, so dünn bist du nun auch nicht wieder.

 

 

Dann nahm sie einen anderen Faden zu Hand und ging mal reel um meine Taille herum. Mein Faden wurde wieder weggenommen und der andere Faden hingelegt.

 

 

 

Jo, dachte ich mir, das kann überhaupt nicht hinhauen, das bin definitv nicht ich. Das ist NICHT mein Taillenumfang. Auch wenn ich es sehe, also wirklich am Faden sehen kann. Ich kann es einfach nicht im Spiegel sehen. Warum auch immer, das sollte doch wirklich nicht schwer sein. Mein Kopf gaukelt mir trotzdem einen ganz anderen Umfang vor.

 

Dann wollte sie mir den Unterschied zeigen, damit ich mit der Realität konfrontiert werden.

 

 

Ich fing an zu weinen, als ich meinen wirklichen Umfang in meinem wahrgenommen Umfang sah. Er verschwindet darin. Mein Verstand weiß es und trotzdem sehe ich noch immer ein anderes Bild im Spiegel. Warum auch immer.

 

Heute habe ich mir noch einmal das rote Band um die Taille, weil ich dachte,das es schon längsten nicht mehr passen kann. Es passt einfach wie angegossen, das ist mein Umfang.

 

Wie bekomme ich das auch nun endlich in meinen Kopf? Ich weiß es noch nicht. Ich habe mal ein Experiment probiert, mit meinen Hausschuhen. Und trotzdem will mein Verstand es immer noch nicht wahr haben, das ich das sein soll. Warum auch immer.

 

 

 

Vor mir liegt noch ein langer Weg. Ich wollte immer dünn sein, wollte wissen wie es sich anfühlt. Jetzt bin ich schlank und kann es nicht sehen. Kamen mir meine ersten Hosen in Gr. 44 so zierlich klein vor und ich hatte bei jedem Mal Angst das ich nicht mehr hineinpassen könnte. So hat sich das jetzt in so weit verschoben, das ich meine Jeans in Größe 36 als groß und breit empfinde. Ich wünschte, ich hätte wirklich eine alte Jeans in 52 zurückbehalten, so das ich den Unterschied deutlich  an den Jeans sehe.

 

Meine Bezugstherapeutin meinte, das kann noch ein paar Jahre dauern, bis der Kopf wirklich da ist, wo der Körper heute ist. Das mit dem Schuh hat nicht geklappt. Ich sehe es auf dem Bild und denke mir, wie kann jemand überhaupt so einen schmalen Taillenumfang haben. Aber ich bekomme es nicht auf die Reihe, das das meiner sein soll.

 

Einer der Gründe, warum ich eine krankhafte Essstörung habe, die behandelt werden muss. So das Essen wirklich wieder angnehm wird. Ich kann Essen geniessen, aber IMMER im Hintergrund sind: Kalorien, Fett und was ich bei nächsten Mal einsparen kann. Oder eben, wenn es ganz schlimm kommt, meine Abführtropfen, die mir oberflächlich helfen sollen, aber lediglich die Nährstoffe ausschwemmen.

 

Ich bin nicht Magersüchtig, ich liege im normalen BMI Bereich von 22 - 23. Man muss nicht Untergewichtig sein, um eine Essstörung zu haben, die behandelt werden muss. Man muss kein Trauma haben, es kann jeden passieren. Der Weg von ungesund Dick nach ungesund Dünn ist bei manchen einfach nur durch ein klein wenig Gewicht oder Ehrgeiz getrennt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0