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Weitere Entscheidung gefallen

Ich habe alles in die Wege geleitet. Wenn ich meine Essstörung kennenlernen möchte und wissen will, wie ich damit umgehe, dann brauche ich die Hilfe von Experten.

Ich habe mir eine kleine Klinik in Erlangen herausgesucht. Meine REHA-Klinik angerufen, wo die Berichte für meine Ärzte bleiben. Einen Termin bei meinem Hausarzt vereinbart und bin bereit.

Nach dem ich das unverschämte Glück habe, immer noch zu Hause zu sein und keinen Lohnerwerb nachgehe, kann ich in Ruhe das nächste Thema angehen.

 

Ein paar Dinge habe ich aus meiner REHA Klinik ja mitgenommen. Und eines bleibt mir immer im Gedächtnis. Auch dort wird ohne Kalorienzählen gearbeitet, weil das einfach unnatürlich ist. 

 

Im Kalorimeter wird die Wärmeenergie gemessen, die freigesetzt wird, während des Messvorgangs. Logisch betrachtet hat dann auch Holz eine bestimmte Kalorienzahl, nur das wir Holz nicht essen. Außerdem kommt es ja auf soviel mehr an, als auf Kalorien. Jedes Nahrungsmittel besteht aus einer Vielzahl von anderen, wichtigen Parameter wie z.B. Fett, Protein, Vitaminen, Kohlenhydraten um nur einige davon zu benennen.

 

Ups, ich bin von der Wegstrecke abgekommen. Was ich damit eigentlich für mich sagen will, ist das die Kalorien eh nur ein ungefähres Mass sind sind und noch viel mehr zählt.

 

In der REHA Klinik in der ich also war, wurden schwer adipöse Menschen und stark untergewichtige Menschen, überhaupt alles Menschen mit einer Essstörung, unabhängig vom Körpergewicht auf ein Leben ohne Kalorien vorbereitet.

 

Klar, wurden sie in der Klinik gewogen, weil die Therapeuten einen messbaren Wegzeiger brauchten. Den Patienten wurde freigestellt, ob sie ihr Gewicht am Ende erfahren wollten oder nicht.

 

Die Klinik, die ich mir für mich ausgesucht habe, arbeitet nach einem ähnlichen Prinzip. Wichtig ist für mich, das neben der psychischen Ebene auch die körperliche Ebene bearbeitet wird und es gemeinsame Essen und gemeinsame Kochaktionen gibt. Ich will einen natürlichen Umgang mit Lebensmitteln und dem Essen erlernen. Außerdem möchte ich lernen, meine Körpersignale rechtzeitig zu hören und sie auch richtig einordnen zu können.

 

Was der vorherigen REHA Klinik auch sehr, sehr wichtig war. Es gibt KEINE guten oder schlechten Lebensmittel. Alle Lebensmittel sind gleich gut oder schlecht. Wie immer man es auch nennen möchte. Also möchte ich dieses Raster in meinem Kopf langsam loslassen können.

 

Was ich zumindest bisher weiß ist, das meine Essstörung im Augenblick mehrere Funktionen für meine Psyche übernimmt. Sie will mich damit schützen und ist nicht, wie ich immer dachte, meine Feindin. Im aktuellen Fall sollte ich sie als beschützende Freundin annehmen. Fällt mir schwer, verdammt schwer.

 

Nebenbei bemerkt, den anderen Eiweißshake vertrage ich ohne große Probleme. Und ich lasse ihn immer etwas länger quellen, so das er wirklich wie ein Trinkjogurt ist und nicht einfach von  meinen Magen in den Darm flutschen kann. Samstag hatte ich nur einen Shake am Sonntag überhaupt keinen. Heute sind wieder zwei geplant.

 

Aber wieder zurück zum Thema Kalorien. Ich denke, das die Kalorien eh immer nur so eine Art Richtschnur sein können. Ich merke es ja selbst an mir, an manchen Tagen kann ich essen wie ein Scheunendrescher und brauche das manchmal auch. (also manchmal, mit Nichten jedesmal, wenn ich so zuschlage) An anderen Tagen bekomme ich viel, viel weniger runter und bin auch mit viel, viel weniger zufrieden. Mein Körper kann doch selbst am Besten bestimmen, was und wieviel er braucht. Oder liege ich da so gänzlich falsch?

 

In der Hauswirtschaftsschule habe ich gelernt, wenn ich Lust auf Käse habe, dann braucht mein Körper einen Nährstoff den er gut in Käse finden kann. So auch mit Rindfleisch, Obst, Gemüse, sei es der Geier was. Auch mit Schokolade ist das so. Den Schokolade setzt ja bekanntlich Glückshormone frei. Aber da muss ja was im Leben schief gehen, das ich soviel Glückshormone an manchen Tagen, Wochen, Monaten brauche.  Ich möchte andere Strategien kennenlernen, die auch im Alltag gut integrierbar sind. Ein gutes Beispielt ist ja: Schauen sie, das sie weniger Stress haben! Ich liebe diese Pauschalaussagen und man steht einfach nur da und frägt sich wie.

 

Ich möchte meiner aktuellen Freundin, der Essstörung zeigen, das sie nicht ständig parat stehen muss und ihr quasi andere, gesündere Freundinnen an die Seite stellen. Sie sollen sich die Arbeit, meine Seele, mein Ich in gewissen Lebenssituationen schützen zu müssen, teilen können.

 

Meine berufliche Zukunft ist immer noch nicht in trockenen Tüchern, aber ich bin sie angegangen. Das nimmt eine Menge Last von meiner Seele. Und jetzt möchte ich eine weitere Last von ihr nehmen. Mein Problem mit dem Essen. Den dauernden Gedanken um Waage, Gewicht, Klamotten, Spiegelbild und Nahrung.

 

300 gr mehr und mein Tag ist grau. 300 gr. weniger und mein Tag ist bunt und ich tanze durch die Wohnung. 300gr. mehr oder weniger, die aber überhaupt keinen Einfluss auf die Passweite meiner Kleidung haben. Eine 3 und zwei 0, die meine seelische Stimmung so sehr beinflussen können. Also einfach nur mal so als Beispiel gesprochen.

 

  • Wenn ich von mir selbst denke, da läuft gerade was gewaltig schief
  • Meine Gedanken sich zu oft um Essen drehen, wann darf ich wieder essen, wieviel steht mir für heute noch zum Essen zu,
  • mir Gedanken mache, ob das meine Waage beeinflusst,
  • Sollte ich vor dem Wiegen nicht besser das trinken sein lassen.
  • Wenn ich mich vor und nach dem Toilettengang wiege oder überaupt mehrmals am Tag wiege.
  • Die Waage von Zimmer zu Zimmer trage um zu kontrollieren, ob ich nicht irgendwo in der Wohnung doch 100 gr. weniger wiege.
  • Wenn ich ein Doppelleben führe und meine Portionen ständig mit die von meinem Gegenüber vergleiche.
  • Außer Haus nur "gesunde" Sachen esse und zu Hause in Trance die "schlechten" Sachen überesse. (es gibt keine gesunden oder ungesunden Lebensmittel)
  • Wenn ich versuche mein Essverhalten mir selbst gegenüber zu beschönigen oder es außer Haus anpasse und den anderen dabei zusehe wie sie Nudeln und Co. essen und ich nur Salat, obwohl ich auch mehr Lust auf Nudeln hätte.
  • Wenn ich mir im Spiegel bekleidet gefalle, aber mein Kopf immer nur noch weniger wiegen will, dabei aber trotzdem noch so auszusehen, wie gerade.
  • Wenn ich einer Zahl auf der Waage hinterher jage, die mir Angst macht, weil es in die falsche Richtung läuft (egal ob rauf oder runter).
  • Wenn ich mich selbst ständig beschimpfe und kritisiere, weil ich vermeintlich beim essen versagt habe (wer würde die beste Freundin den so angehen: Mensch, wie blöd bist du den wieder gewesen, Diät mal wieder sausen lassen und nebenbei mosern, das man zu fett ist)
  • Wenn ich mir selbst verzeihe und lieben kann, weil ich nicht perfekt ist. Andere Menschen in ihrer Unperfektion aber attraktiv findet, weil sie einen so herrlich menschlich damit sind.

 

 

.... dann läuft schon ganz lange etwas schief. Dann ist es Zeit mir das einzugestehen und mir Hilfe zu holen.

 

Ich weiß, es gibt ein Leben ohne diese ganzen, selbstzerstörerischen Gedanken. Den mit diesen Einstellungen wurde ich nicht geboren. Ich habe sie gesehen, übernommen, selbst gelernt und sie über viele Jahre hinweg einfach perfektioniert. Und so wie ich mir diese Gedanken antrainiert habe, kann ich sie in den nächsten Jahren auch durch andere, positive Gedankengänge und Verhaltensweisen ersetzten.

 

Und so will ich heute erst einmal versuchen, Freundschaft mit meiner Essstörung zu schliessen. Ich brauche sie noch. Aber ich will ihr Hilfe an die Seite stellen. Und irgendwann darf sie dann in den Ruhestand gehen und muss mich nicht mehr beschützen. Es gibt auf alle Fälle ein Leben ohne Kalorienzählen und wöchtenlicher Waage. Es gibt ein Leben, wo ich gutes für meinen Körper tun will und solche Hilfsmittel nicht mehr brauche, weil mein Körper mir sagt, was ihm gut tut. Ich habe nur verlernt auf meinen Körper zu hören. Ich spreche nicht mehr "seine Sprache". Ich habe sie aber schon einmal beherrscht, also graben ich sie wieder aus und lerne sie neu.

 

Ganz nebenbei. Gestern wollten wir auch endlich mal Schnee. Nur 10 Minuten Autofahrt in die Fränkische Schweiz haben gereicht, um endlich mal den Schnee unter den neuen Trekkingschuhen zu hören.

 

 

Das Bild unten ist vom vorletzten Wochenende. Da waren wir alle bei meinem Bruder, Geburstag feiern. Und Isabel hat mich gefragt, ob ich zusammen mit Ihr nicht mal das kleine Schwarze anziehen möchte. Klar, ich habe mich selbst tierisch drauf gefreut, zumal ich das erste Mal in meinem Leben nudefarbene Pumps mit einem 9 cm hohen Absatz getragen habe. Und dabei waren die auch noch gut bequem, unglaublich.

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