· 

Folgen meiner Essstörung

Meine Essstörung hat meinen Körper nachhaltige Folgestörungen eingebracht, die ich heute noch spüre. Ich war vor lauter "noch mehr Abnehmen wollen" von allen Sinnen und habe an die Folgen nicht gedacht oder wollte auch überhaupt nichts davon wissen. Heute knappere ich noch immer daran.

In den Anfangswochen nach meiner Schlauchmagen-OP hatte ich ziemliche Verdauungsprobleme. Ich konnte nur sehr kleine Mengen essen und war oft nach ein paar Bissen pappsatt. Da ist es normal, das man nur alle paar Tage mal Stuhlgang hat. Den mit dem Trinken war ich ja auch ziemlich hinterher.

 

Ich hatte aber ziemlich große Angst, das wenn ich nicht aufs Klo muss, ich einfach nicht richtig abnehme. Lächerlich, ich weiß. Aber ich konnte einfach nicht an mich glauben und unwohl habe ich mich auch noch gefühlt, weil ich nicht mal mehr jeden zweiten Tag aufs Klo konnte.

 

Also habe ich mir Abführtropfen besorgt und dafür gesorgt, das ich zumindest jeden zweiten oder dritten Tag meinen Stuhlgang hatte. So harmlos fing der Missbrauch von Abführtropfen bei mir an. Ab und zu, wenn ich das Gefühl hatte das ich mich unwohl fühlte, weil der Stuhlgang sich nicht auf den Weg machte.

 

Irgendwann wurde es falsch, ganz falsch. Aus den anfänglichen 15 - 18 Tropfen alle paar Tage wurden flugs 20 Tropfen. Und aus alle paar Tage wurde dann irgendwann "alle Tage"!

 

Trotz der Abführtropfen konnte ich irgendwann nicht mehr jeden Tag auf die Toilette. Das war schrecklich für meine Gefühlswelt. Ich habe an solchen Tagen das Essen entweder sehr drastisch reduziert oder komplett verzichtet. Ein kluger Kopf weiß, das wenn man wenig isst, auch weniger raus muss. Für mich war das  keine Option.

 

Also erhöhte ich stetig die Tropfen. Am Schluss nahm ich jeden Tag mind. 30 Tropfen oder mehr zu mir. Außerdem achtete ich peinlich genau darauf, das ich die Tropfen nur mit ganz wenig Flüssigkeit zu mir nahm. Irgendwie hatte ich immer Angst, wenn ich die Tropfen mit zuviel Flüssigkeit trinke, das sie dann verwässern und die abführende Wirkung deutlich schlechter ist. Das waren schon wahnhafte Vorstellungen, wenn ich das im Nachhinein so schreibe.

 

Das passierte alles in den ersten 18 Monaten nach der OP. In der Zeit waren es wirklich noch sehr kleine Portionen und die hätte mein Körper dringend gebraucht. Den durch das Abführmittel konnte mein Körper nicht mehr alle Vitamine, Mikronährstoffen ect. verwerten.

 

Die erste Folge dich ich spürte waren ständig kalte Finger. Wenn ich mich leicht in die Hautoberfläche zwickte, tat das ungewöhnlich weh. Beim Wandern fingen meine Finger an zu kribbeln und waren eiskalt. Irgendwann fing ich an zu recherchieren, was das sein könnte. Kaliummangel!

 

Ich nahm Kalium ein und versuchte nicht mehr jeden Tag abzuführen. Ich machte das natürlich heimlich, keiner hat das je mitbekommen. Mein Freund zwar ziemlich entsetzt, das ich das gemacht habe. Ich habe mich heruntergehungert auf unnatürliche 48 kg und mit Abführmittel gehalten und unterstützt.

 

Nach über einem Jahr kamen dann die Krämpfe dazu. Und mir kam ein Bild von einem zerlöcherten Darm in meinem Kopf. Ich dachte immer, durch das ganze Abführen, habe ich meinen Darm so sehr in mitleidenschaft gezogen, das er unweigerlich in meinen Gedanken kleine Löcher haben muss. Gut, das hat er nicht, sonst würde ich nicht mehr hier sitzen.

Aber alleine diese Vorstellung half mir, von den verdammten Abführtropfen loszukommen. Zu meinen schlimmsten Zeiten hatte ich immer 1 - 2 Ersatzflaschen mit Abführtropfen im Haus. Natürlich irgendwo in meinem Aktenschrank versteckt.

 

Ich habe immer ganz genau geplant. Wenn ich wußte das wir wandern gingen oder im Urlaub einen Ausflug machten, durfte ich am Vorabend keine nehmen. Den an den Tagen mir den Tropfen musste ich bis weit in die Mittagsstunden selbst nach jeden Trinken auf die Toilette rennen.

 

Bis heute halten die Krämpfe an. Ich wache jeden Morgen mit ihnen auf, obwohl ich das letzte Mal Ende letzten Jahres während des REHA Aufenthaltes Abführtropfen genommen habe. Seitdem habe ich die Teufelstropfen nicht mehr angerührt. Ich habe Angst, das ich sonst noch mehr schädigen könnte.

Die Krämpfe erinnern mich jeden Tag an meine Dummheit, nur um möglichst zierlich und noch zierlicher zu sein. Im nachhinein schäme ich mich sehr für meine eigene Dummheit.

 

Das ist eine der Handlungen, die ich selbst durchbrechen konnte.

 

Der momentane Stand der Dinge ist so, das ich mich selbst nicht anfassen will. Auch wenn die 48 kg kein gesundes Gewicht waren, so haben sie sich für mich besser angefühl. Heute trage ich Kleidergröße 38 - 40 und habe eine ganz normale, unauffällige Figur. Ich bin Eine von Vielen. Mit meinen Händen über meinen Bauch zu fahren, das finde ich schrecklich. Er ist wieder weich und nicht mehr knochig. Wenn ich auf der Toilette sitze, sehe ich nur ungern an mir herunter. Ich habe Angst, das ich einen Hängebauch entdecken könnte. Natürlich ist da kein hängender Bauch, ich habe eine gute durchschnittliche Figur. Aber diese Angst wieder dick zu werden, die ist einfach sehr irrational in mir drin.

 

Ich fliege am Sonntag in den Urlaub und habe jetzt schon Angst, das ich wieder zunehme. Dieses Mal kein Wanderurlaub, wir liegen am Strand und lassen es uns gut gehen. Also kein Bewegungsausgleich, was bei über 30 °C auch nicht so einfach wäre. Mein Kopf schwirrt schon vor Gedankenspiele, anstatt es einfach auf mich zukommen zu lassen. So nach dem Motto: morgens nur etwas Obst, Mittags und Abends viel Salate und etwas Fisch vom Grill. Meine Gedankenmuster schränken mich als Mensch ein und trotzdem komme ich nicht von ihnen los.

 

Die OP würde ich jederzeit wieder machen. Ich wünschte mir nur, das davor und danach eine Esstherapie für Essstörungen Pflicht wäre. Einfach nur in der Hoffnung, das es dann auch mehr Therapeuten für diesen schwierigen Bereich gäbe. Denn was ich weniger bräuchte, ist eine Ernährungsberatung, als die seelische Auflösung dieses Problemes. Ich erkenne nämlich immer mehr, solange ich hier nicht weiterkomme, solange bleibe ich in meinen Kampf mit meinen inneren Essmonstern und Störungsmonstern stecken.

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Tanja (Mittwoch, 12 September 2018 21:53)

    Hmm meine Liebe, du schreibst gut ich lese es gern, ABER ständig kommen widersprüche von dir, du belügst dich selbst. Ich mache ja 16/8 oder wie auch immer das heisst, 2 Tage später schreibst du du könntest alles essen. Bitte Michaela was willst du noch ??? du bist 50 bist "schlank" und hast alle OP´s die du dir wünscht... mannoo 48 Kilo sorry du sahst aus wie Magersüchtig. Du bist ein einem Kreislauf der ist der Oberhammer... ich bin derzeit bei 123 Kilo was meinst du wie ich mich fühle ? und ja ich fliege 4 mal im Jahr ans Meer und ich liege mit Bikini und in meinem Schrank sind Klamotten von 38 bis 50 ... sei doch froh das du "einigermaßen" gesund bist. Ich kann das nicht verstehen du hast alles einen Mann der alles für dich macht, solang du nur diesen Scheiss ich MUSS ja mit 50 die Traumfigur haben und ahhh der Bauch darf nicht hängen und und so kommst du nie in ein normales Leben. Sorry hart geschrieben aber meine Meinung... sei froh was du geschafft hast .. andere wären froh sowas im Leben zu haben und ehrlich du lebst mit deinem "Mann" sehr sehr gut ...und er will sicher kein Hungerviech haben .... echt schlimm ich wäre froh 38 oder 40 zu haben und gemachte Brüste oder nen Bauch der nicht hängt... scheiss Body Shaming.!!!!!!!

  • #2

    Fräulein M. (Donnerstag, 13 September 2018 09:18)

    Du hast mit allem, was du schreibst Recht.
    Danke.

  • #3

    Tanja (Donnerstag, 13 September 2018 09:23)

    Hoffe das du mit dir, deinem Körper und dem Rest wirklich glücklich werden kannst. Ich wünsche euch einen schönen Urlaub und lass 5 gerade sein auch wenn du ein paar Grämmchen zunehmen könntest.

  • #4

    Tanja (Donnerstag, 13 September 2018 09:24)

    Wie hießen denn diese besagten Abführtropfen?

  • #5

    Daniela (Samstag, 15 September 2018 06:28)

    Würde eine Esstherapie wirklich etwas bringen?
    Alles, wirklich alles, liegt IN mir...ich war noch nie bei einem Therapeuten, doch bin in "Therapie"...mit mir selbst, mit dem dafür so unendlich hilfreichen Internet, Facebookgruppe, Onlinekongressen zu Themen, die weitab von Ernährung sind und auf den ersten Blick keinen Zusammenhang mit Essstörungen haben. Doch alles ist eins, und solange mein Körper, mein Geist und meine Seele nicht eins sind, bin ich nicht ich.
    Mein Gewicht sinkt seit über einem Jahr konstant...auch wenn es wohl noch niemand "sieht"...doch in meinem Kopf, in meinem Herzen hat sich sooooo viel mehr verändert in dieser Zeit.
    Ich wünsche dir von Herzen einen wunderschönen entspannten Urlaub!