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Frieden schliessen ist harte Arbeit

Frieden mit mir, meiner Seele und meinem Körper zu schliessen ist die härteste Arbeit, an der ich gerade dran bin.

 

Seit drei Wochen fülle ich nun mein 6-Minuten Tagebuch aus und es bewegt eine ganze Menge an mir und in mir. Ich sehe mich und meine Aktionen teilweise aus einem anderen Blickwinkel und beginne Dinge neu zu durchdenken.

 

Muss ich wirklich superschlank sein? Kann ich nicht in Co-Exsistenz mit meiner Depression leben? Was ist so schlimm an meiner Essstörung oder nehme ich sie nicht einfach zu wichtig? Nehme ich mein ganzen Schweif an angeblichen Krankheiten oder Besonderheiten nicht einfach zu wichtig?

 

Das Tagebuch zeigt mir auf alle Fälle das ich die letzten Jahre zu sehr auf das Negative fokkusiert war und das positive meist nicht mehr wahrgenommen habe. Oder wenn ich es wahr genommen habe, es immer schon mit dem Negativen zugekleistert habe.

 

Ich habe nach der OP in den letzten beiden Jahren ja wieder zugenommen. Ich bin jetzt auch in dem Bereich, welche sich die Essstörungsklinik für mich ausgerechnet hat. In meinem genetischen Gewichtsbereich, der sich aus meiner Veranlagung vom Familie und meinem eigenen Gewicht ergibt. Ich wiege konstant zwischen 66 und 69 kg bei einer Körpergröße von 155 cm. Wenn ich gesund esse und wenig Nasche wiege in die 66 kg und wenn ich unkontrollierter Esse bin ich bei den 69 kg. Esse ich dann wieder normal und gesund, pendelt sich mein Gewicht von alleine bei den ca. 66 kg ein.

 

Würde ich weniger wiegen wollen, müsste ich mein Essen beschränken, was ich nicht mehr will. Das ist jetzt schon sehr leicht geschrieben, die Realität sieht aber immer wieder anders aus. Kaum werden im Fernseher die positiven Eigentschaften vom Intervallfasten erwähnt fange ich im Netz an zu recherchieren. Dabei stehen bei mir allerdings nicht die gesunden Eigenschaften im Vordergrund sondern immer noch der Gewichtsverlust, der damit erzielt werden kann. Weniger Gewicht ist bei mir immer noch "als erstrebenswert" verankert.

 

Ich bekomme von anderen Frauen und Männern immer wieder Komplimente, wie Gut und Gesund ich jetzt aussehe. Das ich endlich frauliche und gesunde Kurven an mir habe, die wunderschön zu betrachten sind. Ich selbst bin streng zu meinem Spiegelbild, viel zu streng. Den genauer betrachtet sitzt jetzt wirklich alles an der richtigen Stelle.

 

Irgendwo tief in mir drin weiß ich das auch und trotzdem wäre ich gerne diese zierliche Frau im romantischen Blümchenkleid, das den Beschützerinstinkt weckt. Hier fällt mir eben auf, das ich mein Äußeres von meinem Inneren wirklich entkoppeln muss.

 

Mein Inneres will keine großen Verantwortungen mehr übernehmen, weil es das im Beruflichen so lange tun wollte und damit keine guten Erfahrungen gesammelt hat. Wahrscheinlich denke ich, das wenn ich einen zierlichen Körperbau habe, bei anderen Menschen so eine Art Welpenschutz habe. Die Frage ist, ob ich diesen Welpenschutz wirklich noch brauche, jetzt wo ich erkannt habe, warum ich eigentlich so schlank sein will.

 

Das jetzt entdeckt zu haben, hilft mir auf alle Fälle wieder ein Stückchen weiter, Frieden mit meinem Körper zu schliessen. Mein Körper ist nicht krankhaft dick, die Ärzte haben mir das in den letzten 2 Jahren immer wieder bestätigt. Es wird Zeit, das ich mich hier von meinem ewigen "Schlanker zu sein" Gedanken verabschiede.

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