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TV Reportage von Jenke von Willmsdorf

Aus meiner Sicht zumindest eine kritische Reportage, die hinterfrägt und nicht nur mit dem Finger auf dicke Menschen zeigt. Allerdings müssen Berichte im TV auch immer reißerisch sein, damit sie  Quote bekommen. Die Selbsthilfegruppe des Krankenhauses ist mir dabei wirklich aufgestossen. Auch ich fand den Ausschnitt im TV wie eine Verkaufsveranstaltung.

Das kann natürlich viele Gründe haben. Vielleicht die Aufregung, vielleicht wollte man die Erfolge zeigen? Vielleicht eine Anweisung an die Leiterin von anderer Stelle. Keine Ahnung .... aber mich hat das wirklich abgeschreckt. Eine Adipositas-OP ist NICHT das alleinige Heilmittel. Das sollte man ganz klar so sehen.

 

Ich würde mich immer wieder operieren lassen, ohne Zweifel. Und im Gefühlsrausch der ersten Monate wollte ich nie und nimmer einen alten OP-Hasen glauben, der versucht hat zu erklären, das es nicht so bleibt.

 

ABER es bleibt nicht so, das ist Fakt. Die Portionen werden im Laufe der Zeit bei den meisten wieder größer. Bei weitem nicht mehr so groß wie vor der OP, aber ausreichend groß um wieder zunehmen zu können.

 

Gerade bei der Portionsgröße kommt es bei mir auf so Vieles an, ich würde die Hälfte vergessen beim aufzählen. Den manchmal schaffe ich erstaunlich viel und das andere Mal bin ich ziemlich schnell satt und es geht überhaupt nichts mehr.

 

Esse ich in der Öffentlichkeit, bin ich auf alle Fälle schneller satt und ich bekomme dann auch wirklich nichts mehr rein. Vielleicht weil ich noch langsamer esse? Vielleicht weil ich dann achtsamer bin? Vielleicht weil ich mich evlt. schämen würde, wenn ich mehr esse? Ich habe keine Ahnung.

 

Vor einigen Tagen hatten wir etwas beim Thai. Ich habe mir Garnelen bestellt. Einmal in einem Kartoffelteig gebacken und einmal in einer Knusperpanade gebacken. Es waren 3 Riesengarnelen und 5 normale Garnelen. Gegessen habe ich die 3 Riesengarnelen und 3 normale Garnelen, den Rest habe ich meinem Mann gegeben. Sonst gab es nichts anderes zum Abendessen! War vielleicht die Kombination aus Eiweiß und dem Fett (der gebackenen Panade), das mich so schnell satt gemacht hat.

 

Zum Abendessen schaffe ich dann oft aber schon eine große, dicke Scheibe Brot mit Belag. Und wenn es muss, dann geht auch noch ein Stück Kuchen rein, ohne das ich mich übersatt fühle. Am nächsten Tag würde ich den Kuchen dann wiederum nicht mehr schaffen, warum auch immer. Vielleicht kommt es ja zusätzlich noch auf die Psyche an, ich habe keine Ahnung?

 

Egal wie ich es drehe und wende, eine Diät, eine andere Ernährung, eine OP, mehr Bewegung ... ich weiß wie es geht, aber das ist nicht die Wurzel des Problems. Für mich ist Übergewicht woanders gelagert. Bei mir ist es im Kopf und ich bekomme es einfach nicht da raus.

 

Alles und immer und ständig, es dreht sich um Essen, um das Nicht-Essen, um Strategien .... die Gedanken kreisen unendlich im Kopf aber immer um das gleiche Thema. Das ist glaube ich, bei mir die Krux.

 

Jeden Abend das Gleiche:

  • morgen esse ich nicht zwischendurch
  • morgen starte ich mit einem neuen Essverhalten
  • ab morgen mache ich Intervallfasten
  • ab morgen gibt es mehr Obst und Gemüse auf meinen Teller und weniger KH
  • ab morgen
  • ab morgen
  • ab morgen

 

Und dann ist der nächste Morgen und die ersten Gedanken des Tages drehen sich um die neue Ess-Verhaltensstrategie. Alles, wirklich fast alles in meinem Denken und Tun hat irgendetwas mit meinem Essverhalten oder mit meiner Figur zu tun. Nichts in meinem Leben wird mehr ohne Hintergedanken gemacht.

 

Ich renne 20 mal am Tag die Treppe rauf und runter, weil jeder Gang mehr Kalorien verbrennt. Ich parke möglichst ungünstig beim Einkaufen, weil jeder Minischritt mehr Kalorien verbrennt. In meinem Einkaufskorb landen gesunde Lebensmittel und ich begutachte die verachtend die ungesunden Sachen in den anderen Einkaufswägen. Landet was Süßes in meinem Wagen, kann ICH es mir ja ANGEBLICH leisten, weil ich "noch schlank" bin, die anderen sollte evlt darauf verzichten (wenn sie dicker sind) oder können es sich ja auch leisten (weil sie in meinen Augen auch schlank sind).

 

Es sind verquere Gedanken und sie sind ständig da und kreisen bei mir herum im Kopf. Ich bin voreingenommen ohne Ende und nichts in meinem Tun und Handeln geschieht einfach nur um des Tun Willens. Alles wird auf den Prüfstand "Gewicht - Gut oder Schlecht" gestellt. Das gibt es bei gesunden Menschen in dem Ausmaß nicht.

 

Mein Freund und Isa, die denken nicht permanent ans Essen. Die müssen sich nicht gezielt von solchen Gedanken ablenken. Denen kommt Essen erst dann wieder in den Kopf, wenn der Magen sich mit einem Knurren meldet. Bei mir sind solche Gedanken ständig da, mein Schatz kann das gar nicht begreifen. Ich kann das aber auch nicht begreifen.

 

Warum dreht sich bei manchen Menschen fast ständig alles ums Essen und bei anderen Menschen geht es nur dann darum, wenn sie Hunger haben. Wo läuft den da im Hirn was schief? Das würde mich eher interessieren. Hier hätte ich gerne eine Lösung. Hier würde ich gerne meine Festplatte (Hirn) neu beschreiben lassen.

 

Ich koche gesund, mit frischen Lebensmitteln. Wir Essen ausgewogen, mal überbacken, mal gedünstet, mal gegrillt. Mal mehr, mal weniger Fett, alles im normalen und gesunden Rahmen. Die gemeinsamen Mahlzeiten sind nicht mein Problem. Mein Problem sind diese Gedanken, die sich ständig ums Essen drehen, so wie jetzt gerade. Und das ich selbst, wenn ich mich konzentriert mit ganz anderen Dingen beschäftige, sie trotzdem immer wieder als erste Lösung in mir drin hochploppen.

 

Ich lese, werde würde oder es strengt mich zu sehr an .... zack, ich denke ans Essen.

Ich powere mich beim Sport aus .... eine Milisekunde Unachtsamkeit .... zack, ich denke ans Essen.

Ich bin vertieft mit meinem Schnittmuster und dem Nähen, bin unsicher und komme nicht voran ... und ja, zack ich denke ans Essen.

 

Also auch wenn meine Gedanken und mein Handeln mit anderen Dingen gut beschäftigt sind. Sobald sich eine Gedankenlücke ergibt, kommt mir als erstes Essen oder irgendetwas mit meiner Figur in den Sinn. Meine Gedanken haben dann im weiten Sinn immer mit Essen oder dem Nicht-Essen oder Anders-Essen zu tun. Es ist zum Mäuse melken.

 

Warum ist mein Hirn so gepolt? War das schon immer so? Habe ich mir das selbst antrainiert? Kann man das wieder rückgängig machen? Und wenn ja, wie macht man das wieder Rückgängig. Lieber Herr Jenke von Willmsdorf, das würde mich mal interessieren. Das wäre die Richtung, in die mehr geforscht werden sollte. Mit Diäten, OPs und anderen offensichtlichen Maßnahmen gegen die Adipositas hat man leider noch nicht die Wurzel beseitigt. Das ist schlecht, den die Wurzeln treiben immer wieder an die Oberfläche.

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Adina (Sonntag, 28 April 2019 22:15)

    Wow. Super geschrieben und erklärt dass alles Kopf Sache ist. Mir geht es genauso ,ich muss ständig an essen Denken, und sage mir vor dem zu Bett gehen morgen wird es anders....Wort wörtlich im Hamster Käfig gegangen.

  • #2

    Michaela (Sonntag, 05 Mai 2019 10:27)

    Hallo Adina,

    mensch ich bin immer froh, wenn ich lese das es anderen genauso geht wie mir. Wie gehst du den dagegen an?