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Manchmal zerreißt mir das Herz (Teil 1)

Schrecklich, wenn ich immer mal wieder lese, das manche noch weniger Essen wollen. Noch mehr optimieren möchten, weil die Abnahme laut irgendwelcher Statistiken oder den anderen Foreneinträgen nicht in der Norm liegt. Ich bin dann immer wieder mitten drin, in meiner schlimmsten Abnehmzeit. Und ich kann es immer wieder kaum ertragen, wenn ich daran denke, was die Zahl auf der Waage aus mir gemacht hat.

 

Ich bin an manchen Tagen die komplette Klaviatur der Gefühle rauf und runter. Was das mit einem macht? Es macht einen irre und vollständig Gagga im Kopf. Ich habe Aktionen veranstaltet, die ich früher so nie in meinem Leben gemacht habe.

Schon Tage vor der Schlauchmagen-OP habe ich mich gefragt, ob ich damit wirklich abnehmen kann. Warum sollte das bei mir funktionieren, wo ich doch schon seit gefühlten 100 Hundert Jahren und realitischen 35 Jahren auf Diät bin. Mal mehr mal weniger Diät, natürlich.

 

Zwischenzeitlich hatte ich sogar Jahre dabei, da wollte ich überhaupt nicht mehr. Habe immer schön mir und anderen erzählt, das ich mich jetzt wohl fühle und das Thema "Diät" aus meinem Leben geworfen hätte.

 

Nach 7 Jahre Partnerschaft, die mehr Tiefs als Hochs hatte, hat mich mein Mann mit dem Worten: "Warum hast du den für mich in all den Jahren nie abgenommen" ins Nirvana befördert. Das war auf dem Rückweg von einer Hochzeit. Ich saß den ganzen Rückweg über stumm neben ihm im Auto und wußte, das wars jetzt .... das mit der Ehe.

 

Die hat wirklich nicht gehalten und im Nachhinein betrachtet, war das für uns Beide ein Segen - die Trennung. Aber zurück zum Thema. Ich habe nach dem Vorfall tagelang das Essen verweigert und wollte auf Teufel komm raus mal wieder dünner werden.

 

Während meiner Ehe hatte ich es sogar geschafft, auf einigermaßen gesunde Art und Weise 18 Kilos zu verlieren. Leider gab es von der einzigen Person die mir damals am wichtigsten war nur ein lapidares: "stimmt, du bist echt schon schlanker. ABER noch schlanker wärst du noch viel hübscher"

 

Solche und andere Sätze auch von anderen Menschen, die sitzen einfach. Die sitzen ganz tief drin und bohren sich in das Gedächtnis. Und als ich da so nach der OP im Zimmer lag und nach 1 Teelöffelchen Jogurt pappsatt war, hatte ich immer noch Angst, das ich "die Eine" bin, die immer dick bleiben wird.

 

Die ersten Wochen nach der OP waren hart. Es war heiß - immer um die 35°C - und ich hatte eine Wohnung unterm Dach. Ich habe die ersten Wochen max. einen halben Liter am Tag geschafft und war dauermüde, ständig durstig und mir war oft übel. Ich hatte auf kein einziges Nahrungsmittel Lust, das kannte ich so noch gar nicht. Essen war plötzlich Pflicht geworden. Essen nach der Uhr, weil ich alleine durch das Trinken eigentlich immer satt war.

 

Die Arbeit setzte mir zusätzlich zu. Ich war mal wieder unfreiwillig im Vertrieb gelandet, obwohl für Marketin eingestellt. Der neue Prokurist hatte mich auf den Kieker. Hatte ich die erforderliche Anzahl von Terminen vereinbart, war es trotzdem nicht genug. Zu allem Übel saß er mit im gleichen Büro (wir waren dort zu fünft untergebracht) und konnte jedes meiner Telefonate genau hören. Die wurden dann in mehrmalig wöchtenlichen Sitzungen auseinandergenommen. Ich hab mich öfters heimlich heulend ins WC gesperrt. Nur wenig Nahrung, wenig Trinken, viel Hitze und eine schreckliche Arbeitssituation ... und dann immer wieder der Gedanke das ich dick bleiben könnte. Ein ganz schönes Päckchen, das ich mir das selbst geschnürt hatte.

 

Im Forum fühlte ich mich gut aufgehoben. Ich habe auf die gehört, deren Gewicht rasant nach unten ging. Die mahnenden Stimmen der alten Hasen ..... damals fand ich das ätzend und ich habe ihnen einfach nur Neid unterstellt. Wie dumm von mir!

 

Mit ein paar Mitstreiterinnen im Forum habe ich mich auch persönlich, auf Nachrichten-Ebene ausgetauscht. Und dann war ich noch in einem anderen Forum unterwegs. Einem in dem es halt um die Abnahme im Allgemeinen ging, nicht um Adipositas-Chirurgie. Dort war es wirklich krass für mich und es gab eigentlich nur Extreme. Für die einen war ich so eine Art Heldin, weil das Gewicht nur so abgefallen ist. Die anderen hatten mich als Feindbild auserkoren. Beide Foren zusammen haben mich  zur Höchstleistung angetrieben, was das Abnehmen anging. Und das war und ist ganz alleine meine eigene Schuld gewesen.

 

Ich weiß es noch so genau, als wäre es gestern gewesen. Morgens, bevor ich mir das Frühstücken erlaubt habe, musste die Waage erst ein Minus anzeigen. Hat sie das nicht, habe ich schlückchenweise Kaffee getrunken, den der hatte bei mir eine treibende Kraft. Und dann wurde sich nach dem Toiletten-Gang so oft gewogen und die Waage durch den Raum geschoben, bis das für mich richtige Gewicht auf dem Display erschienen ist. Das Spiel konnte ich den halben Vormittag machen. Und wenn es dann Mittags erst das erste Mal eine Kleinigkeit für mich gab, dann war ich sogar noch stolz auf mich, das ich so lange ohne Essen durchgehalten habe.

 

Versteht mich nicht falsch, ich musste nicht hungern. Der kleine Magen hat mich ständig satt fühlen lassen. Es ging darum, das ich stärker war als mein Drang zu essen. Und ich habe die ersten 10 Monate immer gewonnen. Da ich so wenig essen konnte, ging das mit der Toilette nur sehr schlecht. Da kam dann das erste Mal Abführmittel auf den Plan. Eigentlich nur, um endlich mal wieder aufs Klo gehen zu können.

 

Ich bin da ziemlich schnell reingerutscht, weil das Gewicht dann noch schneller runter ging. Und ehe ich mich versah, nahm ich an 5 von 7 Tagen weit mehr als die Höchstdosis an Abführtropfen ein. Mein Darm war fast ständig leer und damit hatte ich dann überhaupt gar keinen Hunger mehr. Die Haare gingen aus und ich war matt.

 

An einem ganz bestimmten Morgen hat die Waage trotz sehr wenigem Essen und dem Abführmittel kein Minus angezeigt und ich verbat mir mal wieder das Frühstück. Aus Macht an Gewohnheit habe ich mir im Laufe des Vormittags doch eine einzige Weintraube in den Mund gesteckt. Ich habe gekaut, habe gestoppt ... bin erschrocken ... wie konnte ich nur..... und habe dann die halb gekaute Weintraube ausgespuckt.

 

Da wußte ich das erste Mal bewusst das hier etwas ganz gewaltig falsch läuft. Und trotzdem konnte ich nicht sein lassen. Es gab Mädels in dem Adipositasforum, die waren  noch viel schlanker als ich. Wie haben die das geschafft, habe ich mich immer wieder gefragt. Erzählen was von keinen Hunger, keinen Appettit. Unterdessen hatte ich schon längstens wieder Lust auf Lebensmittel. Nach so krassen Fastentagen, wo die Waage besonders gut zu mir war, habe ich dann mit vielen Packungen zuckersüßen Dragees dagegen gesteuert. Zu der Zeit nahm ich ständig ab und konnte mein Gewicht nur noch durch Süßes halten. Weil ich auch ständig am Bewegen war und für meine Verhältnisse sehr viel Sport gemacht habe.

 

Ich war soooo verdammt eitel und stolz, das ich Süßigkeiten brauchte um nicht ins Untergewicht zu kommen. Bei einem BMI von knapp über 20 war ich nicht mehr weit davon entfernt. Ich sah ausgezerrt aus und abgemagert. Aber die Hautlappen haben mir jeden Blick auf meinen zierlichen Körper verwehrt und ich fand mich viel zu dick, so nackt und schutzlos vor dem Spiegel. Mit Kleidung war ich dann wieder zierlich und ich fand Frauen mit Gr. 38/40 viel zu dick. Verkehrte Welt ......

 

 

(Ich erzähle die nächsten Tage weiter. Das ist für mich sehr anstrengend und berührend)

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Kommentare: 2
  • #1

    Kathrin Toms (Dienstag, 18 August 2020 17:58)

    Respekt... auch für die Aufarbeitung. Ich war eine, die dich in der sehr schlanken Zeit von dir damals beneidet hat. Du konntest Mentos essen � du bist so groß wie ich... ich hab gesehen was möglich ist....
    War neidisch, aber wusste auch, dass es kein Selbstläufer ist...
    Den Preis kannte ich nicht... habe ich erst viel später erfahren, dadurch dass ich deinen Weg mit allen Höhen und Tiefen hier verfolgt habe....
    Danke dafür.

  • #2

    Michaela (Donnerstag, 20 August 2020 11:10)

    Danke liebe Kathrin.
    Weißt was gerade echt krass ist. Ich habe dich ebenfalls beneidet, weil du so klein und zart bist. Da wollte ich unbedingt auch hin, egal um welchen Preis. ;-)
    Ich frage mich immer, warum ich es nicht schaffe, einfach nur mich selbst im Blick zu haben und mich nicht mit anderen zu vergleichen.
    Wie kann man so etwas individuelles, wie wir Menschen nun mal sind, versuchen auch nur ansatzweise zu vergleichen.

    Ich drücke dir weiterhin die Daumen, das eure Schule Corona-Frei bleibt.

    Viele Grüße