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Manchmal zerreißt es mir das Herz (Teil 2)

Jetzt mögen viele denken: mir passiert das nicht ... die ist ja komplett plemplem die Frau. Ich war die letzte die dachte, das ich mal von viel zu viel Essen auf überhaupt nicht Essen umsteige. Von absolut unsportlich und dem CouchPotetao schlechthin zum Sportfreak, der keine Rücksicht auf Hitze und Kreislauf nimmt. Das letzte was ich jemals von mir dachte war, das ich einmal Probleme damit haben könnte das Essen zu verweigern.

Es ging noch ewig so weiter. Dieser Kreislauf aus: in der Öffentlichkeit esse ich normal, alleine verweigere ich mich dem Essen und nehme nebenbei die Abführmittel. Auch der Sport zog in dieser schlimmen Zeit nochmals an. Ich dachte ich werde dieses Verhalten los, wenn endlich alle Hautlappen weg sind und ich einen puren Blick auf meinen schlanken Körper werfen konnte.

 

Ich fühlte mich auch nach diesen OPs (die eine Zunahme durch Wassereinlagerungen und Sportverbot mit sich brachten) noch viel dicker als jemals zuvor. Dabei hatte ich mein niedrigstes Erwachsenen-gewicht jemals errreicht. Knappe 48 kg auf 154 cm Körpergröße verteilt. An mir war laut Messung auch fast kein Fett mehr dran. Das AC versuchte mich erneut darauf aufmerksam zu machen, das mir ein paar Kilos mehr nicht nur besser zu Gesicht stehen würden, nein es wäre auch gesünder für meinen ausgemergelten Körper.

 

Sag einem Essgestörteten das er an Essstörung leidet und er wird es in den meisten Fällen verneinen. Und das war auch meine Reaktion - Verneinung. In all der Zeit hatte ich immer eine bestimmte Kilozahl im Kopf und weil ich nicht wollte, das diese so schnell wieder übertreten werden kann, habe ich mir immer noch 3 - 5 kg Gewichtspuffer nach unten einbauen wollen. Meine Höchstkilozahl habe ich immer wieder nach unten korrigiert, damit auch ja nichts mehr schief laufen kann.

 

Während eines Aufenthaltes in einer Tagespsyhiatrie kam der Zusammenbruch. Das sorgsam zusammengebaute Kartenhaus viel in sich zusammen und ich gab alle Heimlichkeiten bei dem Chefarzt und meinem Lebensgefährte preis. Ich war gleichzeitig erleichert und habe mich auch zu tiefst dafür geschämt. Ich musste alle versteckten Fläschchen (ja, ich hatte einige davon, das es nie ausgeht) mit den Abführmittel rausstellen und mein Freund hat sie außerhalb entsorgt. Es wurde peinlich genau aufgepasst das ich gut esse und der Sport wurde wieder etwas heruntergefahren.

 

Das war eine schwere Zeit und ich nahm rasend schnell die ersten Kilos zu. Mein seelischer Druck war so groß, immer wieder hatte ich auch durch die Essstörung Gedanken an Selbstmord. Am Ende war ich vor lauter seelischen Schmerz nur noch am Essen von Extrakalorien. Man hat mir einen Platz in einer Klinik für Essstörung besorgt und ich hatte sehr große Hoffnung. Hoffnung das mir jetzt endlich das "ausgewogene Essen" beigebracht wird.

 

Leider war die Klinik auf schwer untergewichtige Frauen spezialisiert die einen BMI von 18 und auch weit darunter hatter. Mädchen und Frauen die aus Haut und Knochen bestanden und sich weiterhin weigerten zu essen. Und dann kam ich und ich kam mir deplaziert und massiv vor. Massiv mit Kleider-größe 38!

 

Das ich einen Schlauchmagen hatte, das hatte ich vorab schon am Telefon erwähnt und es hieß, das dies kein Problem sei. Ich hatte ja vor allem wegen der Portionen Angst. Die Angst sollte sich als begründet herausstellen.

 

Das mussten die normalen Patientinnen essen:

 

Frühstück: 4 Scheiben Kastenbrot mit Aufstrich (später sollten sie freiwillig noch Jogurt oder Müsli extra nehmen)

 

Mittags: 2 Scheiben Fleisch, 4 - 5 Kartoffeln, 2 - 3 Esslöffel Gemüse. Später sollten sie sich freiwillig noch einen Nachtisch nehmen

 

Nachmittags: 1 Stück Sahnetorte oder Buttercremetorte (trocknere Kuchen, Hefekuchen, Obstkuchen waren für uns verboten)

 

Abends: 4 Scheiben Kastenbrot mit Aufstrich (später sollten sie freiwillig noch Essiggurken und Co. zu sich nehmen)

 

Ich konnte das nie und nimmer mit meinem Schlauchmagen essen und ich habe Rotz und Wasser geheult. Wollte in der ersten Woche heimgehen. Ich habe mit meinem Mann oft telefoniert, er meinte ich sollte mein AC dort anrufen lassen. Besser gesagt, die Essklinik sollte sich bei meinem AC melden. Ich habe die Kontaktdaten weiter geben, aber es wurde nie bei meinem AC angerufen. Ich musste trotz Tränen und auch unter Protest die gleichen Mengen essen. Halt nicht auf die selben Mahlzeiten verteilt, sondern ich musste eben 3 weitere Zwischenmahlzeiten einplanen. Essen wurde zu einer Qual für mich und ich konnte zusehen wie ich noch dicker wurde.

 

In Unterwäsche wiegen war jeden Morgen Pflicht. Ich hatte Sportverbot und durfte die ersten 2 oder 3 Wochen keine Treppen nehmen, sondern nur den Aufzug. Treppen nehmen, hieß das es Konsequenzen hätte, bis zum Rauswurf hin. Für Menschen mit schwerem, gefährlichen Untergewicht richtig und wichtig.

 

Ich hingegen erreichte in der Klinik schon wieder den BMI einer Adipösen! Nach 4 oder 5 Wochen entließ man mich vorzeitig, weil man mir sagte das ich auf Grund meines Rentenantrages evlt. nicht gesund werden möchte. Ich kam mir verarscht vor!

 

Zu Hause hielt ich diese verdammten Mahlzeiten lange ein, vor allem den Kuchen am Nachmittag. Als hinge mein Leben von einem dummen Stück Kuchen ab. Der Zustand des über-essens von der Klinik hielt ca. 1 Jahr an. Eines Morgens entschloss ich mich einfach das Frühstück wegzulassen. Dann kam das Essen nach dem Abendessen hinzu und plötzlich wurde von alleine Intervallfasten daraus.

 

Mir ging es mit jedem Tag besser, die Lust auf Süßes war endlich wieder in einem normalen Rahmen. Ich war wieder energiegeladener und die ersten Pfunde verschwanden wie von alleine.

Ich hatte Appetit auf wirklich hochwertiges Essen und keinen Schrott mehr. Auch der Kuchen mit gesundem Dinkelmehl und Birkenzucker war in Ordnung. Jetzt brauche ich ihn nicht mehr jeden Tag.

 

 

Warum es mir das Herz zerreißt?

 

Ich lese oft Verzweiflung zwischen den Zeilen heraus.

  • Wie kann ich mich noch mehr Beschränken?
  • Wo kann ich das Essen optimieren?
  • Vielleicht doch mehr Bewegung, auch wenn ich es hasse?
  • Warum nehme ich nicht soviel ab, wie die anderen?
  • Was mache ich falsch, wo ich doch so wenig esse?
  • Warum ist es meinem Umfeld bisher noch nicht aufgefallen?
  • Nein, ich muss unbedingt auf mein gefordertes Eiweiß kommen. Da stehen KHs nun mal nicht auf dem Plan, auch wenn ich sie vermisse!
  • Ich habe nur noch einen BMI von etwas über 20, will aber noch ein paar Kilos schaffen, als: Sicherheitspolster, weil ich Muskeln aufbauen will, weil XYZ auch weniger wiegt .....

 

Ich hatte zu meiner schlimmsten Zeit den Genuss und den Spass am Leben aus den Augen verloren. Ich war gepolt auf: Waage, Gewicht, wenig Essen, viel Bewegung....

Alles andere wurde zur Nebensächlichkeit. Das kann man doch niemandem anderen Wünschen. Ich weiß ja selbst, wenn man von einem BMI jenseits von Gut und Böse kommt. In Kleidergröße 50 aufwärts endlich mal in was kleiners passt .... das ist alles sooooo toll. Ich habe damals mein Ziel unbemerkt aus den Augen verloren. Ich habe es übertrieben und mich geweigert es einzusehen. Ich fand mit mit Kleidergröße 36 nackt im Spiegel einfach nur schrecklich fett. Ich habe mich selbst degradiert auf eine Zahl auf der Waage.

 

Ich bin nicht dagegen gefeit und garantiert nicht mehr so hochnäsig, das ich sagen würde: das passiert mir nie wieder. Wer bin ich, das ich so eine Behauptung aufstellen könnte. Ich bin den Weg schon mal gegangen und die falsche Abzweigung ist leicht genommen.

 

Ich bin auf der Hut und ich werde dagegen ankämpfen. An den meisten aller schönsten Tage freue ich mich über meine neue Figur. Ich bin inzwischen eine ganz normale, schlanke Frau. Trage von Kleidergröße 38 bis 40 alles. Manchmal sitzt mir der Teufel auf der Schulter und hätte gerne wieder eine zierliche Figur. Aber das bin ich nicht, ich seh dann hässlich aus.

 

Wenn ich nur ein Menschlein dazu bringe, sein evlt. falsches Verhalten zu hinterfragen, dann habe ich schon mehr erreicht, als ich mir erhoffe.

 

In diesem Sinne:

Passt gut auf euch auf. Die dünnste Figur der Welt ist nicht immer die erstrebenswerteste. Vergesst den Spass am normalen Leben nicht. Es gibt soviel mehr als Figur, Essen, Gewicht und so einen Kram. Garten, Tiere, Kultur, Lesen, Freunde, Basteln ......

Und wenn ihr ans Essen denkt, dann denkt groß! Denkt an frisches Essen, an gutes Essen, an regionales Essen. Denkt daran das nicht alles gedünstet sein muss und der Fisch auch mal aus der Pfanne kommen darf.

Kuchen ist nicht Böse. Macht ihn euch selbst, so ganz analog und ohne Backmischung. Da weiß man was drin ist und es hat keine Füllstoffe.

 

Perfektion wird überbewertet. Ich habe gute und schlechte Zeiten. Zeiten wo ich gut mit dem Intervallasten bin und Tage, da ist mir alles egal. Ich lerne gerade, mir diese Tage nicht krumm zu nehmen. Fällt mir nicht leicht, muss aber sein.

 

Was ist schon ein normales Essverhalten? Ich glaube, jeder hat ein anderes Normal. Ich bin gut dabei, so wie es gerade läuft. Andere finde es schon wieder restriktive. Scheiß drauf, ich mag mein derzeitiges Essverhalten.

 

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