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Stigmatisierung in eigener Sache - oder wie ich mich Klein halte

Sätze dich ich häufig in Foren lese:

  • Hallo, hier stellt sich wieder ein neues Moppelchen vor.
  • Ist das extra für Moppelchen?
  • ...als Moppeline habe ich niedrigen Blutdruck....
  • ....ist der sommer unerträglich als dickerchen ....
  • ....der nannte mich immer "mein dickerchen". nicht böse gemeint ...
  • ... bis es dann über das Pummelchen zum Dickerchen der Klasse...

Noch schlimmer sind häufig die Adjektive, die sich so manch einer selbst zuschreibt.

Ich habe das Früher ständig und immer gemacht. Eigentlich mit vielen in meinem Leben. Ging was in der Arbeit schief, habe ich mich gleich selbst in Frage gestellt. Dabei habe ich fast immer 200% gegeben und mir für sämtliche Arbeitgeber und Kollegen/innen den Hintern aufgerissen.

 

Autounfall mit anderen Autofahrern - wer war schuld? Ja klar, erst mal mich selbst schön in Frage gestellt, auch wenn die Autofahrerin hinter mir trotz roter Ampel auf´s Gaspedal ist und ich dem Vordermann draufgefahren bin. Hätte ja die Handbremse anziehen können .... boah.

 

Ich war schon immer: zu dick, zu faul, zu hüftig, zu faltig, zu lockig, zu schwappelig.

 

HALT! STOPP!

 

Zum Glück nicht mehr. Das hat sich in den letzten Jahren so was von deutlich gebessert. Zumindest in vielen Bereichen, wenn auch noch nicht in jedem Bereich. *ggg*.

Mir blutet regelmässig das Herz, wenn ich in Foren oder sozialen Medien lese, wie viele Menschen über sich selbst schreiben oder denken. Sie fordern mehr Toleranz von ihren Mitmenschen ein und gehen doch selbst am Schlimmsten mit sich um.

 

Forennamen wie: Moppelchen, Dickerchen, Pummelelfe, Pummelfee, rosaNilpferd, Mopsfrau (und sie meint damit nicht die Hunderasse!).... och, ich könnte die Liste bis ins unendliche weiterführen. Was mir inzwischen auch auffällt: es sind meist die Frauen und Mädchen, die sich selbst so nennen. Und dann die Verniedlichung des Namens. Aus Moppel wird Moppelchen. Aus Dicke -> Dickerchen.

 

Will ich es damit herunterspielen? Vielleicht verniedlichen?

 

Warum fordern wir von unseren Mitmenschen Toleranz ein und sind uns selbst gegenüber oft "Null Tolerant"? Müssten wir nicht eigentlich da ansetzten?

 

Ich habe auch noch oft schlechte Gedanken oder bin mir selbst gegenüber sehr hart. Gerade was meine Depression und die einhergehende Arbeitsunfähigkeit angeht. Es war ein ziemlich langer und steiniger Weg, das ich mich für meine Erwerbsminderungsrente nicht mehr geschämt habe. Heute kann ich frei heraussagen, das ich Vollerwerbsminderungsrente habe. ABER, ich habe oft noch ein schlechtes Gewissen, wenn mein Mann um 6:00 Uhr schon am PC sitzt und erste Mails beantwortet. Anstatt auszuschlafen, stehe ich dann auf und fange mit dem Haushalt an. Das ist ja in Ordnung, wenn ich den ausgeschlafen bin.

 

Ich mache das jedoch auch an Tagen, wo ich wegen halbdurchwachter Nächte saumüde bin. Zuerst die Anderen und dann komme Ich. Daran muss ich echt noch knabbern. Den, wenn ich dann mal auf mich gucke, dann komme ich mir immer gleich egoistisch vor.

 

Habe meiner Leihtochter den Fahrdienst zum Kieferorthopäden zugesagt, weil sie mich gefragt hat. Fühlte mich danach aber total mit der Situation überfordert, weil ich den kompletten Fahrdienst zugesagt hatte. Das wären 80 Kilometer, insgesamt 100 Minuten Fahrtzeit plus die Wartezeit vor dem Kieferorthopäden.

 

Jetzt fährt sie mit den Bus hin und ich hole sie ab und fahre sie nach Hause. Und schon sieht es so für mich aus: 56 Kilometer und 65 Minuten unterwegs. Und ich bin erleichtert und mache das mit Freude. Aber auf die Idee musste mich erst meine Therepeutin bringen. Und sie musste mir klar machen, das ich dafür KEIN schlechtes Gewissen haben muss und mich nicht als Egoistin bezeichnen muss.

 

Also, ihr seht, ich habe auch noch eine Menge zu tun.

 

Was ich schon kann, ist:

 

Ich bezeichne mich nicht mehr als:

  • schwabbelig (auch wenn bei weitem nicht alles straff ist)
  • als sportfaul (weil es ist Ordnung ist, wenn ich nur 2 - 3mal die Woche ein wenig mache)
  • Schmarotzerin der Rente (weil ich 35 Jahre lang eine 50-Std-Woche hatte und mir da schon meinen Körper aufgearbeitet habe)

 

Das sind nur ein paar wenige Beispiele.

 

Jetzt aber meine Frage an dich:

 

  • Wo gehst du viel zu hart mit dir um?
  • Wo ist dein innerer Kritiker so groß, das würdest du nie zu deinem besten Freund sagen?
  • Wo machst du dich noch nieder, obwohl es dir eh schon richtig mies geht?
  • Was gibst du dir selbst für Adjektive / Namen und verniedlichst sie vielleicht auch noch?
  • Machst du dich vor anderen über dich selbst Lustig (ich meine damit deinen wunden Punkt, den du nicht zugeben willst und der sich leichter erträgt, wenn andere mit dir darüber lachen)

 

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