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Applaus macht nicht immer Sinn!

Ich lasse jetzt einfach mal die Bilder sprechen!

 

 

 

 

Sie sprechen eine deutliches Sprache, oder?

 

 

 

 

Das zeigt eindrücklich meine "Pufferzeit". Also die Zeit, wo ich einen Puffer für den Puffer haben wollte, damit ich auch mal ordentlich über die Stränge schlagen kann.

Mein ursprüngliches Ziel war zu Beginn mal die 56-58kg. Also das war mein sehnlichster Wunsch, als ich vor der OP noch meine 98,9kg gewogen habe und ich diese 56-58kg als unerreichbar empfand.

Was daraus geworden ist? Die Bilder von damals zeigen es.

 

Von den 48,8kg habe ich kein auffindbares Bild mehr. Ich habe aber eben noch jenen Screenshot, wo ich mir voller Stolz ausgrechnet habe, welchen BMI ich gerade habe. Hört sich doch saugeil an, der BMI von 20,38. Und alles noch im gesunden Bereich, gelle? ;-)

 

Darf ich vorstellen: 48,8kg gerade noch so lebende, dahinvegetierende Masse. Von Gesund aussehend und auch gesund sein so weit entfernt wie die Erde vom Mars.

 

Fakt war:

  • ich habe ständig gefroren und auch im Sommer 2 Wärmflaschen gebraucht
  • ich habe meist langärmlig angezogen
  • ich hatte keine Energie zum Wandern und habe beim Kraftrraining keine nenneswerte Steigerungen erbrinen können
  • ich war dünnhäutig und schnell gereizt
  • bei jeder Blutuntersuchung (2mal jährlich) wurden immer wieder verschiedene Nährstoffmänge festgestellt
  • ich war zwischen Kleidergröße 34-36 und weil es 34 bei den normalen Bekleidungsdiscountern nicht hab, habe ich die 36 mit Gürteln an mir festgezurrt
  • ich sah schrecklich aus und habe das auch so im Spiegel gesehen, allerdings fand ich mich damals schrecklich "fett". Ein Wort das man NIE als Eigenschaft für sich selbst oder andere anwenden soll

Warum ich das alles die letzten Tage so ausführlich beschreibe?

 

Es ist ein sehr wichtiger Teil für mich, den ich für mich selbst tue, um endlich Frieden zu finden und meine Esstörung in naher Zukunft ziehen zu lassen.

 

Ich schieb jetzt noch ein Bild hinterher.

Das hier ist das andere Extrem nach der Mager-Phase. Es war nach meinem Aufenthalt in der Klinik für Essstörung. Reingegangen bin ich damals mit einem BMI von knapp 25, rausgekommen bin ich mit einem BMI von unter 26. Und das nach gerade mal 4 Wochen! Zu Hause hat es noch Monate gedauert, bis ich mich wieder unter gesunder Esskontrolle hatte und nicht mehr den ganzen Tag am grasen war und Buttercreme-Torte meine Lieblingstorte war. Den Sahnetorte und Buttercremetorte einmal am Tag waren Pflicht- und Zwangsprogramm in dieser Klinik. Genauso wie Butter auf jedem Brot ein Zwang waren - keine Freiwilligkeit. Am Ende meiner schlimmen Essphase nach der Schlauchmagen-OP hatte ich mich wieder auf einen BMI von 27 hochgegessen.

 

Genauso wie die Magerzeit, ist auch diese Phase eine traumatisierende Phase für mich gewesen. Und es ist auch genau diese Zeit, die mich immer noch sehr verunsichert zurück lässt. Den die Zunahme trotz Schlauchmagen war damals erschreckend schnell. Binnen ein oder zwei Jahren hatte ich mich wieder auf einen BMI von 27 hochgeschaukelt.

 

Das schlimmst für mich war damals, als ich wieder so dick wurde, das ich meinem Mann versprochen hatte, nie wieder Abführmittel zu missbrauchen. Das ist jetzt um die 3 Jahre her. Ich habe das Versprechen gebrochen und zwar ganz genau 3 mal. Das war irgendwann, 1 Jahr nach dem ich ihm das Versprechen gegeben hatte.

 

Es war sehr schwer, davon loszukommen, weil das weglassen des Abführmittel zwangsläufig erst einmal zu einer weiteren Zunahme geführt hat. Einfach auch dem Grund, weil der Darm wieder normal voll war, wie immer. Aber das relativiert sich mit der Zeit.

 

Was aber hat das alles mit dem Applaus und Idealsisieren zu tun, fragt ihr euch?

 

Im Netz trifft man auf vielerlei Menschen. Und da Abnahme, Adipositas-OPs, Sport, gesunde Ernährung und so einfach meine Themen sind, treibe ich mich auch genau in diesen Bereichen und Foren umher.

 

Mit etwas Abstand fällt mir immer wieder auf, das Menschen die sehr viel Abnehmen und sich in einem sehr, sehr schlanken Bereich befinden (also auch im unteren Drittel dessen was einem gesunden BMI bei normalen Fett-Muskel-Verhältnis entspricht) oft sehr hochgelobt werden. Sie werden hofiert und als Helden/innen stilisiert. Wenn der Held, die Heldin in ihren eigenen Augen fallen, weil sie dieses unnatürlich niedrige Gewicht auf Dauer nicht halten können, werden sie gerne bedauert.

 

Wenn diese Helden die abstrusesten Diäten und extremsten Diätformen ausprobieren - dabei Hungern - dabei das würgen bekommen - dann wird ihnen Mut zugesprochen. Sie werden regelrecht bewundert, für ihre Sturheit. Die Sturheit wird als Disziplin und Durchhaltevermögen interpretiert. Als ein "nicht aufgeben - als absoluter Kampfwille"

 

Wenn die Heldin - der Held gesund sind, dann ist es schon in Ordnung. Vielleicht sollte der Applaus und die Idealisierung trotzdem nicht ganz so groß ausfallen, den auf Dauer ist es trotzdem nicht gesund in extremen zu leben. Aber gut, das muss jeder selbst wissen.

 

Ich berichte jetzt von mir und was dieser Applaus und diese Idealsierung mit mir gemacht haben, damit man einfach auch mal die andere Seite der Medaille sieht. Ganz wichtig: das ist MEINE Erfahrung, sie ist nicht auf jeden Anwendbar. ABER: ich würde mir wünschen, das man kurz innehält, wenn man mal wieder so einem Held / einer Heldin applaudiert, ob man damit dem Held / der Heldin wirklich einen Gefallen tut.

 

So und nun zu dem was es bei mir ausgelöst hat:

  • jedes Gramm das ich zusätzlich verloren habe, wurde bejubelt. Es hat mich darin bestärkt, das ich nichts falsche mache, wenn ich noch weniger wiegen möchte, als ich eh schon wiege. Also auch noch weniger als 53 kg......52kg......51kg......50kg
  • ich wurde für meine Zierlichkeit bewundert und Menschen die am Anfang ihres Wegen standen, wollten irgendwann genauso schlank wie ich sein. Meine Blutwerte und die Nährstoffmängel habe ich immer schön bagatellisiert.
  • es wurden Essportionen verglichen und wer am wenigsten auf den Teller hatte, war der Held!
    Ehrlich?
  • ich habe aber auch bei den Portionsgrößen lügen können (wenn ich Fress-Flash´s hatte) und dabei nicht nur andere angelogen, sondern vor allem mich selbst angelogen, was das schlimmte überhaupt ist.
  • Keiner hat wirklich wissen wollen, wie ich so ein immens niedriges Gewicht halten kann. Man hat mir sehr gerne geglaubt, das das mit weniger Essen und viel Sport von ganz alleine und ganz natürlich passiert.    EHRLICH?  Ich glaube, als Aussenstehender will man das auch einfach glauben dürfen. Ich habe meinen Körper missbraucht und das niedrige Gewicht mit Abführmittel unter Kontrolle gehalten.
  • Kleine Zunahmen wurden bedauert und man wurde getröstet, wenn man erzählt hat, welche extreme Nahrungsbeschränkungen man vorhat, um wieder etwas abzunehmen. Im Gegenteil, es wurde noch bestärkt!

 

Niemand außer ich selbst bin schuld an meinen damaligen Zustand. Es waren und sind immer meine EIGENEN Entscheidungen. Aber niemand ist auch gefeit von den Bestärkungen anderer Menschen. Jeder möchte bewundert werden, jeder möchte gesagt bekommen: du machst das Klasse, du bist gut!

 

Meine Erfahrung zeigt mir, das ich garantiert niemanden bei irgendwelchen Extremen in Sport oder Ernährung bestärken werde. Das kann gefährlich sein, ohne das ich mir selbst dessen bewusst bin. Vielleicht steuere ich damit mein Gegenüber unbewusst in eine Richtung, die für ihn körperlich Gefährlich sein könnte.

 

Die folgenden Bilder zeigen die Bandbreite dessen was ich mit Schlauchmagen geschafft habe. Von zappendürr bis wieder ungesund mollig. Nur wenige Bilder zeigen mich mit einem ausgewogenen Gewicht. Mit einem gesunden Gewicht, so wie ich es nun seit 2 Jahren habe. Und um das ich inzwischen fast froh bin.

 

Ich gebe zu, ich trauere noch immer einem etwas niedrigeren Gewicht hinterher. Obwohl ich mit dem jetztigen Gewicht am gesündesten und leistungsfähigsten bin. Aber ich arbeite daran und lerne langsam, das ich dafür dankbar sein darf und das ich mich damit schön fühlen darf.

 


Und ich das möchte ich NIE, NIE wieder machen ---> solche dummen Bilder, in die ich soviel Zeit investiert habe, um mich vom Essen abzulenken. Um mich, in einer Zeit, in der ich eh schon viel zu dünn war, daran zu erinnern, das ich nicht essen muss. Das ich nur essen soll, wenn ich Hunger habe, was ich aber damals überhaupt nicht mehr hatte. Um mich zu erinnern, das man sich Essen erst verdienen muss.

 

Diese Bilder habe ich mir gemacht, als ich mich unverschämter Weise dabei erwischt habe, das ich mir einfach so nach dem Aufstehen eine Weintraube in den Mund gesteckt hatte. Dabei hatte ich sie mir noch überhaupt nicht verdient. Den weder hatte ich mich gewogen, um zu wissen ob ich überhaupt was essen durfte. Noch war ich vorher auf dem Klo. Das ist Krank? Ja! Ich war ja auch Krank.

 

Und ich mache das jetzt so klar deutlich, weil ich oft vermute, das andere es auch tun und man sie mit Applaus und Idealisierung unbewusst dabei sogar unterstützt. Den KEINER wusste, was genau ich alles dafür tue, um so schlank zu werden und so schlank zu bleiben. Und KEINE/R der / die noch keine Krankheitseinsicht hat, wird einen Teufel tun und das öffentlich preis geben. Den, wenn man noch keine Krankheitseinsicht hat, gibt man solche Dinge nicht mal vor sich selbst zu!

 

Also immer schön überlegen ob man applaudiert und wem man applaudiert.


Den, wenn man noch keine Selbeinsicht hat, das man Krank ist oder eine Essstörung hat, dann stimmt in den allermeisten Fällen auch die Körperwahrnehmung nicht mehr.

 

Ein Beispiel gefällig? Hier die Faden-Therapie, die ich in einer Klinik machen sollte. Der lange Faden ist die Selbsteinschätzung, die kurzer Faden war die Realität!

 

Ich lage meilenweit - oder besser gesagt sehr viele Zentimeter daneben. Ich habe mich um 1 ganzes Drittel dicker wahrgenommen, als ich in Wirklichkeit war.

 

Möchte man so eine Wahrnehmung mit unbedachten Applaus, Zuspruch oder was auch immer wirklich unterstützen?

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