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Maßvoll in allen Dingen

Das richtige Thema für mich Heute .... weil das mit dem richtigen Maß, das habe ich überhaupt noch nicht drauf.

 

Na, so ganz stimmt es dann doch nicht. Ich habe einiges in den letzten Jahren gelernt. Manches von dem, was ich in den Psychosomatischen Kliniken oder bei meiner ersten Therapeutin gehört hatte, konnte ich zu jener Zeit noch nicht umsetzten. Oder ich wußte auch gar nichts damit anzufangen.

 

Seit ich bei meiner jetztigen Therapeutin bin, und das ist ja nun auch schon wieder ein ganzes Jahr, da macht vieles Sinn und ich kann Puzzelteile besser zusammensetzten. Jetzt greifen auch die gehörten Tipps von Früher, weil ich das Hintergrundwissen dazu habe.

Die sozialen Medien sind aber auch wirklich ein guter Spiegel für mich. In den letzten 2 Wochen habe ich sehr deutlich gelernt, das jeder Mensch in seinem Leben an einem anderen Punkt steht. Sind die Punkte zu weit voneinander entfernt, dann habe ich früher versucht mein Gegenüber von meinem Standpunkt zu überzeugen.

 

Heute zeigt mir das zum Beispiel, was für einen weiten Weg ich eigentlich schon gegangen bin, das ich all diese früheren Hilfmittel nicht mehr brauche.

 

Als Beispiel helfen mir dann immer Operierte, deren OP schon 2 - 3 Jahre her ist. Die aber noch so voller Elan sind und alles sooooo super richtig machen wollen. Voller Begeisterung erzählen, wie überschaubar ihre Lebensmittelauswahl freiwillig ist, weil alles andere  nicht mehr so richtig schmeckt. Oder das sie nie wieder zunehmen wollen - werden - dürfen, und alles dafür tun werden, das dies nicht mehr passiert. Dabei den angepassten Stoffwechsel, der es nun mal nach 5 - 6 Jahren ist, außer Acht lassen.

 

In ihrer Begeisterung für die neue, tolle Figur und das neue Leben nicht sehen können, hören wollen was jedes AZ, jede EB und eigentlich jeder Langzeitoperierte sagt: es gibt ein Tiefstgewicht bei der Abnahme, das hält man eine gewisse Zeit und dann gesellen sich ohne große Mehraufnahme von Nahrungsmittel wieder bis zu 10% auf die Hüften. Also die Ernährung bleibt gleich, man bewegt sich genauso wie zu den besten Zeiten und trotzdem nimmt man ein paar Kilos zu.

 

Ich wollte das auch nie wahrhaben, die ersten 3 - 4 Jahre nach der OP. Aber bei mir kam es genauso sicher, wie bei 99% aller Adipositas-Operierten.  Auch das sich Telefonate nur um Essverhalten, wo ich am besten Kalorien einsparen kann, ob bestimmte Nahrungsmittel im Kalorien- Fett- oder KH Budget drin sind ...... ich bin inzwischen so froh, das ich diese Phase hinter mir habe.

 

Ich denke immer, das ich ein noch wirklich verkrampftes Verhätniss zum Essen habe. Und ja, das habe ich auch immer noch - so ein bisschen - also, es ist irgendwie noch nicht ganz frei von Schubladen. Aber wenn ich dann so sehe, das ich keine APP mehr hernehme um irgendwelche Micro- oder Macronährstoffe zu zählen, das ich nicht nachsehe ob noch irgendetwas in mein Tagesbudget passt ... das ich voranging so auswähle, das es mir auf alle Fälle schmecken muss und gesund sein soll ..... dann weiß ich, wie weit ich doch schon gegangen bin.

 

Aber es gibt auch diese Tage, da haut es mich von einer Sekunde auf die andere rein. So passiert am letzten Urlaubstag. Ich hatte mich die komplette Woche über gefreut, das wir auf dem Heimweg am Brenner Outlet-Center Halt machen. Wir gehen dort manchmal noch was einkaufen. Auch dieses Mal war das unser erklärtes Ziel und ab dem Tag der Urlaubsbuchung klar.

 

Ich habe mich im Urlaub die ganze Zeit über immer ziemlich sportlich und trainiert empfunden. Am vorletzten Abend oder so, hatte ich Nachts plötzlich das Gefühl das ich aus allen Nähten platze. Und trotzdem habe ich mich auf das Shoppen gefreut. Also auf ins Outlet und zuerst mal für den Schatz Jeans suchen. Da standen wir und eine Verkäuferin wollte mir helfen, aber ich war plötzlich ganz untern und wusste nicht warum. All die superkleinen Jeans in superkleinen Größen an der Wand.

 

Die andere Verkäuferin, die meinen Mann bediente, das war so eine megazierliche junge Frau .... die mich dann auch fragte, ob sie noch was für mich tun könnte. Sie hat die Kleidergröße meines Mannes auf den ersten Blick richtig eingeschätzt, also fragte ich sie, nach welcher Jeansgröße ich suchen sollte. Jeansgröße 29 wäre gut für mich ..... bähm, das saß. Ich fand mich fett und genau das sagte ich ihr auch. "So fett wie ich bin, passe ich hier in keine Jeans. Ne danke, ich habe dann doch keine Lust aufs Shoppen."

Die Arme sah mich betröppelt an und ich war bedient. Hat mir zu Beginn noch ein ganz tolles Kleid gefallen, an dem wir vorher vorbei sind, ging dann gar nichts mehr. Dabei ist mein Mann noch in den Gerry Weber mit mir, wo ich lustlos 2 Kleider ansah und dann frustriert raus bin. Auch das tolle Kleid vom Beginn, nix ging mehr und ich wollte nur noch raus. Ich war plötzlich von einer Sekunde auf die andere Fett geworden, in meinen Augen.

 

Dabei passe ich immer noch in meine Jeans Gr. 38 und sehe immer noch genauso sportlich aus, wie Minuten zuvor.

 

Diese zierliche Frau und ein Völlegefühl vom Abend haben mich binnen Sekunden aus der Bahn geworfen. Und zum Glück habe ich mich bis am Abend zu Hause wieder eingerenkt. Und dann ganz normal zu Hause gegessen. Vor 2 Jahren noch, hätte ich das Essen nach so einem emotionalen Erlebnis verweigert. Heute habe ich in der Beziehung zumindest irgendwann auf dem Weg das richtige Maß. Ganz richtig wäre es wohl, wenn solche Ausnahme-Emotionen überhaupt nicht kommen würden.

Auch so ein sehr gutes Beispiel aus der Praxis und noch ganz frisch - Wanderurlaub.

  • Tag 1: Anreise mit viel Laufstress am Morgen - Schritte geschafft.
  • Tag 2 und 3: zwei intensive Wanderungen, viele Kalorien verbrannt, ne Menge Schritte gemacht.
  • Tag 4: körperlich am Ende vom Wandern, Pool und Wellnesstag. Aber bevor es an den Pool geht fühle ich mich innerlich gezwungen Yoga und HulaHoop zu machen. Gut ist: ich mache nur die Hälfte der Zeit die ich zu Hause mache.
  • Tag 5: Erneute Wanderung bis zur Erschöpfung, Oberschenkelmuskel am Ende beleidigt und sehr schmerzhaft. Aber ein überaus gutes Gefühl, weil ich für meine Gedankenwelt heute einen tollen Sporttag hatte.
  • Tag 6: Muskelzerrung - Pooltag. Ich mache mit Wut im Bauch keinen Sport und das ist dann auch der Abend wo ich mich schon gebläht und dicker fühler.

 

Es war für mich in den beiden Wander-Freien Tagen sehr schwierig, das ich meine Essmenge beibehalten habe, weil ich emotional sofort getriggert war: du sollst weniger essen, weil du heute Faul warst. Das ist die Emotionale Seite - da fehlt mich noch jedes Maß und mein Innerer Kritiker geht sehr sehr hart und brutal mit mir selbst um.

 

Unausgesprochene Gedanken an solchen Tagen:

  • Fett, Faul, faule Sau, fette Dampfwalze, Schwabbelbauch, Dellenoberschenkel, Faltenbauch, Sofawanze, zu Faul für alles......

Und jetzt kommt dann doch noch das rechte Maß, wenn auch ein wenig spät. Mein Hirn arbeitet, die Vernunft beginnt und das Bewusstsein spult ab:

  • hey Mädel, rechne das mal durch: 7 Tage mit all den Schritten und du hast trotz Wanderfreier Tage überdurchschnittlich viele Schritte - du darfst das Urlaubsessen geniessen. (Und ich spreche hier nicht von Völlerei, sondern einfach von ganz normalem Essen wie sonst auch)
  • deine Gelenke, Muskeln und Knochen tun weh, sie schreien nach Auszeit. Du hattest alles Recht, das du Wanderfreie Tage hattest.

 

So geht dann der innere Dialog bei mir vor. Und darüber bin ich froh. Ich möchte nicht mehr erst 2 - 3 Jahre nach der OP sein. Den mein Innerer Dialog hätte mir ganz andere Dinge gesagt. Ich vergleiche mich immer noch, auch im ungesunden Maß und auch mit Frisch-Operieren die in einem ganz anderen Stadium sind. Aber irgendwann setzt inzwischen das vernünftige Bewusstsein ein, dann relativiere ich, dann zerbrösel ich und komme zurück in die Realität und das bei mir alles "Fein" ist und ich so wie ich bin, gesund lebe und körperlich gut drauf bin.

 

Und ich kann inzwischen auch bewusst wahrnehmen, das mein Ernährungsstil und mein Bewegungsverhalten stimmig sind. Würde ich sonst mein Gewicht ohne großes Aufpassen, zählen, Tun und Machen Halten können? Nein - es muss also gut sein, so wie ich lebe und mich bewege.

 

Auch mein Blutbild spricht diese Sprache. Bis auf Eisen, weil ich wenig Fleisch esse und einen Eiweißwert der sich tapfer im unteren Drittel des Normbereichs aufhält, ist mein Körper bestens versorgt. Das ist vollkommen ausreichend, den ich will weder Eiweißshakes noch Fleisch oder Milchprodukte in Massen essen. Ich fühle mich gut mit meiner Lebensweise und meine Werte geben mir insofern recht. Meine Werte sind allesamt in der Norm. Mal im oberen Drittel, mal in der Mitte, mal im unteren Drittel. Das reicht mir, ich bin keine Optimierungsmaschine, ich bin ein Mensch der glücklich und entspannt leben will und das gerade lernt.

 

Will ich noch mal tausch mit Frisch-Operieren um wieder eine Kleidergröße 36 tragen zu können?

 

Nein. Der Stress und all das aufpassen was ich esse, wieviel ich essen, ob ich mich genug bewege .... den tue ich mir nicht mehr an. So wie ich jetzt lebe, so lebt es sich befreiter für mich und das ist gut so.

 

 

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