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Essstörung - Traurig - Agressiv

Unglaublich was alles passieren kann in nicht mal 4 Tagen.

 

Am Freitag erreichte mich vom Telefon meiner seit über 26 Jahre andauernden Freundschaft die Nachricht, das meine Freundin ihrem Krebsleiden erlegen ist. Traurig, wütend, agressiv, verzweifelt, ungläubig, hilflos .... das beschreibt meinen Zustand wohl am besten.

 

Sie hinterlässt neben ihren Mann auch drei Kinder. Die Jungs aus dem Gröbsten raus, der eine Studiert und ist schon ausgezogen, der andere 17 Jahre alt. Die Tochter gerade mal 15 Jahre alt ..... Die Familie war ihr Ein und Alles, ihr "Mama Miracoli-Traum", den sie schon träumte, lange bevor sie ihren Mann kennenlernte.

 

Die eigenen Probleme schrumpfen durch das Ereignis wieder zu einem Minimum zusammen.

 

Wir waren damals immer die 4 Musketiere - gemeinsam auf der Pirsch unterwegs. Zu ihr und einem anderen Musketier habe ich über all die Jahre meine Freundschaft und den Kontakt behalten. Diese Freundin habe ich dann auch noch am Freitag versucht zu erreichen und am Samstag endlich an der Strippe gehabt. Was ich schon seit Jahren wusste und was sie sich nach vielen Jahren nun zum Glück selbst eingestehen konnte - sie ist Alkoholikerin.

 

Ich habe sie gerade an ihrem ersten Erprobungswochenende zu Hause erreicht. Der AG hat ihr die Pistole auf die Brust gesetzt. Sie wurde von ihrem Umfeld, inkl. mir schon vor Jahren darauf angesprochen, aber die Krankheitseinsicht war noch nicht da.

 

Da bin ich nun: unendlich, tieftraurig und gleichzeitig erleichert das meine eine Freundin nach mehreren Jahren voll von Chemos und AntiGen Therapien, des Nicht-Vertragens und tagelangen Kotzens endlich gehen durfte, obwohl sie noch gerne viele Jahre für ihre Kinder haben wollte. Ziemlich zeitgleich froh, das die andere Freundin nun die Kraft hat ihr Problem anzugehen.

 

Was für ein Gespann, kein Roman, kein Dramafilm könnte es besser abbilden. Die "depressive mit der Essstörung", die "Krebspatienin ohne Happy Ende" und die seit mind. 8 Jahren "Alkoholkranke Frau" mit dem Willen es fortan besser zu machen.

Und dann dachte ich noch, ich habe es für diesen Silvester besser gemacht. Wir waren ja über Jahre in einer Clique, wo wir erst ordentlich Essen geganen sind, nur damit sich nach dem Essen nochmal die 3-fache Menge von dem auf den Tisch in Form eines kleinen Mitternachtsbuffets wieder auf dem heimischen Tisch befanden. Eine sinnlose Völlerei, jedes Silvester.

 

Wir waren dann ja mehrmals über Silvester im Urlaub oder für uns zu Hause. Dieses Jahr wollten wir wieder mit Freunden feiern. Mit anderen Freunden. Wir kennen sie schon Jahre. Wenn wir uns bei irgendwelchen Feiern getroffen habe, hatte ich den Eindruck gewonnen, das die eben keine Essensgelage machen und das auch doof finden.

 

Gestern kommt das Silvesterprogramm per WhatsApp bei mir durch. Erst zum Griechen laufen (immerhin eine Stunde zu Fuss durch den Wald jeweils Hin und zurück) Bis wir am Ende nach Hause kommen, wird es kurz vor Mitternacht sein. Und weil man dann ja Hunger haben könnte, ist von den Mädels geplant worden:

  • Fischhäppchen
  • Käsehäppchen
  • Schinken-Salamihäppchen

und ich sollte noch eine Schüssel Tiramisu mitbringen.

 

Diese Nachricht hat mich so aggressiv gemacht, ich kann es nicht beschreiben. Und wieder ein Fressgelage. Klar muss ich nicht zulangen, aber man sage mir einen Menschen, wenn das vor einem steht, der eben nicht unterbewusst zulangt.

 

Meine ehrlichen ungeschönten Gedanken dazu, die mir in der ersten halbe Stunden durch den Kopf rasten: ständig mosern und jammern die Weiber mir vor, das sie zu dick sind. Dann wollen sie nach dem fetten Essen beim Griechen zwei Stunden später zu Hause noch mal ein Buffett mit kleinen Knabbereien aufbauen. Ach ja, die Kabbersachen nicht mit eingerechnet. Sie fühlen sich fett und "fressen" sich noch fetter. DAS IST SCHEISSE UND ICH HASSE DAS!!!!!  Ich hasse nicht sie, ich hasse "das"!

 

Ich habe das Tiramisu abgesagt, weil mir das schon zweimal zur Pampe wurde und schmecken tut es uns auch nicht. Ich mache ein fettarmes, halbwegs zuckerfreies Tiramisueis für die Damen und gut ist. Absagen - was meine erste Reaktion war - tun wir natürlich nicht. Den es sind unsere Freunde. Ich aber habe meine Lektion gelernt. Ab nächstes Jahr wird Silvester wieder irgendwo in Österreich oder Südtirol verbracht. Vorher wird gewandert, Abends wird wie immer gegessen ohne 5-Gang-Quatsch und dergleichen. Und dann wird im Freien das öffentliche Feuerwerk genossen.

 

Meine Reaktion hat mich erstaunt und überrascht. Aber im Nachhinein betrachtet finde ich sie sehr gut. Diese Zwangsvöllereien (sauer bin ich deswegen, weil ich zugreifen werde, wieder besseren Wissens) habe ich so satt. Ich kann in Gesellschaft nicht nein sagen, das ist mein wunder Punkt. Weil ich weiß, das ich das nicht kann, vermeide ich solche Situationen. Und ich werde versuchen, für diesen Abend meinen Geist willentlich und bewusst abzuspalten. Ich kann das ganz gut. Es ist dann, als ob ich das Geschehen von Außen beobachte. Es soll mein perönliches Lehrstück werden, das ich so "nie wieder werden möchte". dieses ständige ans Fressen denken. Es ist einfach nur schrecklich.

 

Und so wird auch dieser Heilig Abend bei uns unspäktakulär gesund.

  • Lachsforelle, Kartoffeln und Gemüse aus dem Dampfgarer

Bestes, frisches Essen ohne SchnickSchnack, das uns einfach nur so richtig lecker schmeckt. Kein Dessert - nix. Einfach weil wir beide nach dem Essen satt und zurfrieden sind.

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