Montag, den 08.08 2016 - Umbrüche und neue Richtungen

Die neue Figur und das Drumherum werden langsam aber sicher zur Normalität und das ist Gut so. Und wollte ich kurz nach der OP am liebsten jedem einzelnen Menschen mit etwas mehr auf den Hüften von meinen bahnbrechenden Erfahrungen erzählen, sehe ich das Heute entspannter.

Als ich noch dick war, hatte ich ja ziemlich viel mit „Schlank sein“ verbunden. Manches ist so eingetroffen, wiederum anderes war nicht so grandios, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und an andere Sachen hätte ich im Traum nicht gedacht.
Irgendwie hab ich mich verändert und irgendwie aber auch nicht. Ich habe immer noch das gleiche vorlaute Mundwerk, das ich früher schon hatte. Ich bewege mich immer noch sehr gerne, wie ich das schon ein paar Jahre vor meiner OP getan habe. Ich gebe immer noch zuviel Geld für Klamotten und unnötiges Gedöns aus. Ich mache mir immer noch genau so viel Gedanken um mein Essen und meine Figur, wie vorher. Ich fühle mich immer noch gleich in meinem Körper und meinen neuen Maßen.

Worauf mich niemand vorbereitet hat und was man auch glaub ich gar nicht kann. Die körperlichen Aspekte. Sitzen tut wirklich weh. Der Sex war zwischendrin komisch. Vorher war alles so schön weich und gepolstert, da muss man sich an hervorstehende Knochen echt erst mal gewöhnen. Untersuchen sind auch anders. Wenn der Doktor heute mit seinem Ultradingens nach Gallensteine sucht, ist es genauso unangenehm, wie zu dicken Zeiten. Vorher hat er das Gerät durch die Fettschichten gepresst, heute hoppelt er an Rippenbögen entlang. Beides Mal kein schönes Gefühl.
Früher haben mich manche Ärzte wegen meiner ausgefüllten Fettschürze schief angeguckt, heute gucken sie angeekelt auf die leeren Hautlappen. ;-) Wie man es macht, es ist nie für alle richtig. *ggg*

Und trotzdem ist es irgendwie auch anders. Ich bin ein klein wenig achtsamer mir gegenüber geworden. Manche mögen es auch egoistischer nennen. Ich bin ungeduldiger geworden, mit mir und anderen. Und gleichzeitig lerne ich jetzt aber auch, toleranter zu werden – mir gegenüber und anderen. Ein ständig andauernder Lernprozess halt, wie das Leben so ist.

Letztes Jahr im September hatte ich meinen großen Burn-out-Crash, der mich komplett aus der Bahn geschmissen hat. Mein Arzt und mein Freund haben dann gemeinschaftlich beschlossen, mich aus den Verkehr zu ziehen. Das hatte natürlich zur Folge, das mein befristeter Vertrag nicht verlängert wurde. Ich war nicht böse darum, den trotz anderweitigem Vertrag bestand man plötzlich auf Kaltakquise und Umsatzvolumen.

Ich hatte ein sauschlechtes Gewissen, und saß von September bis Februar jeden Tag zwischen 6 und 8 Stunden vor meinem PC, und wollte mich auf Biegen und Brechen um eine neue Arbeit kümmern. Immer wieder laut getönt: NIE WIEDER VERTRIEB! Und trotzdem unter anderem auch immer wieder auf Vertriebsstellen beworben. Ich wollte der Allgemeinheit nicht auf der Tasche liegen. Und dafür nahm ich katastrophale Vorstellungsgespräche in Kauf, bei denen ich vor den anderen heulenden zusammengebrochen bin.

Ich habe mich da so sehr reingesteigert, das meine Depression im Frühjahr seinen Höhepunkt erreicht hatte. Unauffällig für meinen Schatz und meine Umgebung gab es viele Tage, da hätte ich mit gewünscht ich, würde morgens einfach nicht mehr existieren. Also KEINE Selbstmordgedanken oder so, aber einfach nicht mehr sein zu müssen. An solchen Tagen hätte es mich nicht gestört, wenn mich jemand über den Haufen gefahren hätte oder mich ein Blitzschlag getroffen hätte. Einfach nur nicht mehr diese schweren Gedanken haben müssen, die ich einfach nicht in den Griff bekam.

Nicht mehr ankämpfen zu müssen, gegen Vorurteile, das es Depression nicht gibt, das man einfach nur zu doof zum Leben ist. Ich habe mich befreit von den Meinungen derer, den ich wünsche den Zustand meinem ärgsten Feind nicht. Es nervt mich immens, das Burn-out jetzt modern geworden ist und "die Menschen" mit ins Lächerliche zieht, die wirklich ein körperliches Problem damit haben. Hey, dir kommen unterwegs die Glücksrezeptoren abhanden. Es ist kein Andocken mehr möglich im Hirn. Das ist wie eine Krankheit mit körperlichen, sichtbaren Gebrechen. Einfach nur das sie unsichtbar ist und als Symptom der Seele wehtut. Und doch ist sie körperlich sehr real - so eine mittelgradige bis schwere Depression. Du bist erst mal Machtlos, egal wie sehr du dir das Gegenteil wünscht! Punkt, Ende, Aus, Pasta!

Es sind viele Therapiestunden nötig, eine Probieren mit verschiedenen Medikamenten (die im Hirn helfen, die Andockstellen fürs Glück wieder neu aufzubauen) und schließlich das Finden der richtigen Kombi von Therapie und Medikation.

Die radikalen Veränderungen meines Äußeren und meiner Essgewohnheiten haben mit Sicherheit ihren Teil dazu beigetragen und umgekehrt. Die Depression hat mit Sicherheit den kurzen Ausflug in die Essstörung begünstigt.

Was mein Körpergewicht und meine Figur anbelangt: Ich bin im Reinen mit mir! Ich dachte halt immer, ich will 55, 53 wiegen. Ich dachte halt immer, eine Kleidergröße 40 oder 38 wären ein richtig tolles Ziel. Ich dachte es, weil ich mir nicht vorstellen konnte, das „mehr“ machbar wäre. Ich habe mich sicherlich unterbewusst gegen das Gewicht und die Kleidergröße gesträubt und war deshalb auch körperlich nicht in der Lage dazu, mehr zu essen. Anscheinend wollte ich aber immer zierlich sein, konnte es mir nur nie vorstellen. Jetzt bin ich zierlich und fühle mich gut mit mir. Und seitdem funktioniert das Halten von alleine. Seit einem Monat pendle ich zwischen 50 und 51 Kilo hin und her. Ich halte, ohne das ich mich großartig kümmern muss. Ich konnte den Wiegezwang hinter mir lassen und ich habe nicht mehr ständig das Bedürfnis, mein Essen akribisch zu notieren.

Es ist mir inzwischen egal, wenn andere zu mir sagen, ich sei zu dünn. Ich kann darüber hinweg lächeln und es einfach ignorieren und im schlimmsten Fall denk ich stumm bei mir: Kehr erst mal vor deiner eigenen Haustüre. Ich bin im Reinen mit mir, das ist das Wichtigste.

Beruflich würde ich am liebsten komplett neu durchstarten. Ich bin, so glaube ich zumindest, nicht für reine Büroarbeit gemacht. Ich würde gerne irgendetwas mit meinen Händen machen und dabei Kontakt zu Menschen haben. Blumen, Schmuck, Muskeln – fast schon egal, Hauptsache mich bewegen dürfen und dabei mit Menschen in Kontakt kommen.
Das ist natürlich ein Traum und mit 48 auch nur noch bedingt realisierbar. Darum suche ich jetzt nach einer Stelle im Büro und versuche, in eine für mich sinnbringende Branche unterzukommen. Etwas Soziales, Ökologisches, Sportliches, Gesundheitliches …. halt bitte nichts mit Technik, Finanzen oder IT, das bin ich nicht, das war ich nie. Ich habe es nur nie erkannt.

Meine Therapeutin hat letzte Woche zu mir gesagt: Frau Meyer, als sie das erste Mal hier hereinkamen, waren sie wie ein zersprungener Teller, dessen Scherben und Splitter weit verstreut waren. Es hat lange gedauert, bis man die Scherben zumindest mal auf einen Haufen legen konnte. Sie haben sich vehement gegen das Sortieren jener gesträubt. Und heute habe ich das erste Mal das Gefühl, das wir die Scherben in Tellerform bringen und nun nur noch kleben müssen.

Der größte Teil meiner Therapie ist also geschafft. Mein Teller-Ich ist noch nicht geklebt, aber es ist endlich wieder ein Teller erkennbar.

Gemeinsam mit ihr fülle ich nun einen Antrag für stundenweise Wiedereingliederung durch die Rentenversicherung aus. Nebenbei bewerbe ich mich wieder gezielt auf eigene Faust. Das erste Vorstellungsgespräch liegt hinter mir, ich bin einfach nur gespannt, was daraus wird. Ich habe mich abgeschottet, damit ich keinerlei Erwartungen daran knüpfen kann. Den wenn ich etwas gut kann, dann ist das „Abschotten von Erwartungen im beruflichen Bereich“.

Es war schwer, für mich einzusehen, das ich als ehemaliges Karrieremädel mit einem Einkommen von knapp 4.000 € Brutto und über 40 Mitarbeitern unter mir zu meinen Spitzenzeiten, ab jetzt kleinere Brötchen backen will. Ich habe Dinge gemacht, die mich maßlos überfordert haben und das über viele Jahre. Ich bin dem Druck nicht mehr gewachsen und das ist kein Beinbruch.

Ich will für den Rest meines Arbeitslebens ein kleines Lichtlein mit einem kleinen Arbeitsbereich sein. Diesen will ich, wie gehabt zu 150 % ausfüllen, aber eben viele Hausnummern kleiner.

Mein Seele und meine Glückshormone haben mein Leben kurzerhand eine neue Priorisierung verschrieben. Ob ich das jetzt gut fand? Mein Körper hat mich nie danach gefragt. Er hat zig Zeichen geschickt, hat mich schon mehrmals in eine Depression geschickt und ich habe sie mehrmals ignoriert. Ich bin immer zu früh aufgestanden und habe bei den ersten Zeichen einer Besserung weiter gemacht wie bisher.
Mein Körper hat irgendwann, als er die Faxen dicke hatte, meiner Seele eine fette Depri geschickt. Er hat mir meine Glückshormone geklaut und mein Motto "wenn eine Tür zu geht, öffnen sich mind. 5 andere für mich" ins Nirwana befördert. Ich musste mir das alles wieder mühsam erarbeiten und ich bin fast am Ziel - wie geil!

Die Zukunft: Keine 50 Std.-Wochen mehr, dafür mehr Freizeit mit meinem Schatz!